Rezension

Ökosozialismus

23. August 2023 | Bernd Hüttner

Die ökologische Krise schreitet weiter voran, das Erreichen des 1,5°C-Ziels bei der Erderwärmung wird immer schwieriger. Hitzewellen und Dürren sind die bereits spürbaren Vorboten des sich immer stärker beschleunigenden Klimawandels. Dass die Folgen dessen ungleich verteilt sind, wird von AktivistInnen immer mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht. Diejenigen, die durch ihren Ressourcenverbrauch am wenigsten an der Klimakrise schuld sind, tragen die meisten der desaströsen Folgen. Die reichsten ein bis zehn Prozent der Menschheit wirtschaften und leben, als gäbe es einen zweiten Planeten; sie verursachen weit mehr CO2 und verbrauchen weit mehr Ressourcen und Flächen als andere.

Was bedeutet diese Entwicklung nun für Debatten in der Linken? Auch dort wird mittlerweile in verschiedenen Strömungen über »Degrowth«, den »Green New Deal« oder gar einen »linken Green New Deal« debattiert. Können wir heute hinsichtlich möglicher und dringend nötiger Alternativen aus den auch von Technikoptimismus geprägten Schriften des klassischen Marxismus noch etwas lernen? Wie lässt sich der Stoffwechsel Mensch-Natur ohne große Zerstörungen gestalten? Ist ein (ökologischer) Kapitalismus oder gar einer ohne Wachstum denkbar?

Das vorliegende Buch enthält Beiträge, die für eine ökosozialistische Alternative zur Klimakatastrophe und zum »grünen Kapitalismus« plädieren. Die AutorInnen John Bellamy Foster, Michael Löwy, Jess Spear, Daniel Tanuro und Christian Zeller stammen alle aus dem Spektrum eines modernen (Post-)Trotzkismus. Neun der zehn Beiträge, darunter sind alleine vier von Löwy und drei von Tanuro, sind bereits in den letzten drei Jahren an anderer Stelle in deutsch erschienen oder wurden jetzt erstmals aus dem Englischen oder Französischen für diese Publikation übersetzt. Neu ist nur der Beitrag von Zeller, der ein Drittel des Buches einnimmt. Der in Salzburg lehrende Geograf plädiert vehement gegen einen »Green New Deal«. Mehr dazu ist in seinem Buch »Revolution für das Klima. Warum wir eine ökosozialistische Alternative brauchen« (München 2020) nachzulesen ).

Das Fehlen einer Einleitung lässt die Leser*innen etwas ratlos zurück. Spannend an dem Buch ist der globale Blick, der durch die Perspektive der in verschiedenen Ländern lebenden AutorInnen entsteht. Viele Aspekte dieser Theoriedebatten wurden aber anderswo bereits vor Jahrzehnten diskutiert, so zum Beispiel im Umfeld der grünen Partei in den 1980er Jahren, durch Autoren wie Elmar Altvater, oder im Rahmen der ökofeministischen Bewegung. Gut, dass auch der moderne Trotzkismus immer mehr zum Stand aktueller Diskussionen aufschließt, was auch daran liegen dürfte, dass die planetaren Grenzen heute weit spürbarer sind als noch vor 30 oder 40 Jahren.

Bibliografische Angaben

John Bellamy Foster / Michael Löwy / Jess Spear / Daniel Tanuro /Christian Zeller: Ökosozialismus. Positionen des klassischen Marxismus. Debatten heute; Neuer ISP-Verlag, 168 Seiten, 17,80 Euro.

Bernd Hüttner ist Politikwissenschaftler. Er lebt und arbeitet in Bremen und ist Referent für Zeitgeschichte und Geschichtspolitik der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Webseite: www.bernd-huettner.de.

URL: https://www.blickpunkt-wiso.de/post/oekosozialismus--2423.html   |   Gedruckt am: 24.04.2024