Rezension

Kritische Geographien ländlicher Entwicklung

19. Dezember 2019 | Bernd Hüttner

Beeindruckende 33 Bände sind seit 2007 in der Reihe »Raumproduktionen« beim Verlag Westfälisches Dampfboot erschienen. Sie haben zum Ziel, »kritische Raumforschung als Gesellschaftsforschung« zu stärken und dabei soziale Kämpfe und gesellschaftliche Widersprüche mit in den Mittelpunkt zu stellen. Kritische Stadtforschung und Geografie hat in den letzten Jahren einen spürbaren Aufschwung genommen, in der Theorieproduktion wie auch in den damit verbundenen urbanen Bewegungen (zu den Themen Mieten und Recht auf Stadt). Die Bedeutung radikaler englischsprachiger Theorieimporte, Ansätze und Perspektiven ist aber unvermindert groß, was noch mehr für die kritische ländliche und Agrargeographie gilt.

Der aktuelle Band der Reihe hat erstmals ländliche Räume bzw. Geografien im Fokus. Er will einen »Überblick über theoretische Konzepte, empirische Beispiele und methodische Zugänge« zum Verständnis ländlicher Entwicklungen liefern, kann dies aber nicht ganz einlösen. Der Sammelband enthält nach einer lesenswerten Einleitung 18 Artikel, von denen mindestens sechs (Transformations-)Prozesse in ländlichen Räumen des Globalen Südens thematisieren. Weitere untersuchen zum Beispiel Gentrifizierung, die es in ländlichen Regionen ebenso gibt wie ländliche Armut; Geschlechterverhältnisse und -gerechtigkeit oder die Re-Präsentationen von neuen Ländlichkeiten in Literatur und Massenmedien. Die politische Steuerung ländlicher Räume ist ebenfalls Thema: In diesem Zusammenhang werden sowohl staatliches Handeln, etwa Austerität als Paradigma der ländlichen Entwicklungspolitik in Bayern (auch hier gilt jetzt: »Aktivieren statt Alimentieren«) als auch zivilgesellschaftliche Initiativen (Genossenschaftsläden als Instrument der Dorfentwicklung) dargestellt.

Die Veröffentlichung steht in einem akademischen Bezug mit all seinen daraus resultierenden Beschränkungen. Sie enthält (leider) kein Anwendungswissen, sie ist vielmehr ein Anfang, und zeigt eher, wie viel noch zu tun ist. Eine echte Tradition materialistischer, kritischer ländlicher und Agrargeografie im deutschsprachigen Raum ist erst noch zu begründen. In Frankreich sieht es nicht besser aus, wie der Beitrag von Jutteau/Authier (S. 85ff) zeigt; auch dort stützt sich die Wissenschaft bisher in erster Linie auf englische Ansätze.

Bibliografische Angaben

Michael Mießner, Matthias Naumann (Hrsg.): Kritische Geographien ländlicher Entwicklung. Globale Transformationen und lokale Herausforderungen; Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2019, 296 Seiten, 33,00 Euro.

Bernd Hüttner ist Politikwissenschaftler. Er lebt und arbeitet in Bremen und Syke und ist Referent für Zeitgeschichte und Geschichtspolitik der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Webseite: www.bernd-huettner.de.

URL: https://www.blickpunkt-wiso.de/post/kritische-geographien-laendlicher-entwicklung--2338.html   |   Gedruckt am: 06.08.2020