Rezension

Kapital und Ideologie

3. Juli 2020 | Kai Eicker-Wolf

Dem französischen Ökonomen Thomas Piketty ist mit seinem 2013 erschienen Buch »Das Kapital im 21. Jahrhundert« gelungen, wovon die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wohl heimlich träumen: Er hat einen weltweit beachteten und diskutierten Bestseller geschrieben, der zum wesentlichen Bezugspunkt von ökonomischen Debatten geworden ist. Im vergangenen Jahr hat Piketty unter dem Titel »Kapital und Ideologie« sein neustes Werk vorgelegt. Dabei handelt es sich um eine umfangreiche, gut 1.300 Seiten starke wirtschaftshistorisch angelegte Geschichte der sozialen Ungleichheit und ihrer Ursachen (die deutsche Übersetzung ist seit März 2020 erhältlich).

Piketty knüpft in »Kapital und Ideologie« an wesentliche Ergebnisse aus seinem sechs Jahre zuvor publizierten Buch an. Zentral ist auch hier der bereits 2013 herausgearbeitete Befund, dass die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung im Wesentlichen eine Frage der Steuerpolitik ist. Der aktuell in zahlreichen Ländern aufkommende Nationalismus und Rassismus stellt für Piketty eine Entwicklung dar, die mit der seit den 1980er Jahren ansteigenden Ungleichheit der Einkommen und der Vermögen zusammenhängt: Die wachsende Ungleichheit – wesentlich verursacht durch eine zu geringe Besteuerung hoher Einkommen und Vermögen – habe bei den unteren und mittleren Schichten Frustration erzeugt. Dies sei letztlich die Grundlage für nationalistische Bewegungen, die »im Innern der Staaten von einer identitären und autoritären Verhärtung gegenüber Minderheiten und Migranten begleitet wird« (S. 1270).

In diesem Kontext spielt – so die Analyse von Piketty auf der Basis von umfangreichen Daten zum Wahlverhalten – auch eine zentrale Rolle, dass sich in Ländern wie Frankreich, Deutschland, Großbritannien und den USA der links stehenden Parteien-Block zur Interessenvertretung von Akademikerinnen und Akademikern gewandelt hat. In Deutschland zielt dies vor allem auf die SPD, in den USA auf die Demokraten und in Großbritannien auf die Labour Party. Dies spiegele sich in der Wählerschaft dieser Parteien wider: Während zwischen 1950 und 1980 für diesen Block die Zahl der Wählerinnen und Wähler mit steigendem formalen Bildungsgrad abnahm, träfe nun immer deutlicher das Gegenteil zu. Je höher der Bildungsgrad, umso höher die Zustimmungswerte. Mit diesem Wandel der Wählerschaft des linken Blocks einher geht nach Einschätzung von Piketty ein Verzicht auf eine Umverteilungspolitik, die die Interessen der unteren Schichten wahrnimmt. Dies sei der Nährboden für immigrationsfeindliche und nationalistische Diskurse: »Solange es bei dem mangelnden Umverteilungsehrgeiz bleibt, der jenes Gefühl der Abgehängtseins erst erzeugt, solange ist auch nicht zu sehen, was solche Ideologien daran hindern sollte, auf diesem Nährboden weiter zu gedeihen.« (S. 1067)

Um die von ihm herausgearbeiteten Entwicklungen zu stoppen, schlägt Piketty ein Programm vor, das er als »partizipativen Sozialismus« bezeichnet. Dieser Vorschlag enthält insbesondere zwei zentrale Elemente: die Dekonzentration des Eigentums und eine starke Unternehmensmitbestimmung. Die radikale Umverteilung soll dabei über die Steuerpolitik erfolgen, die Einkommen und Vermögen grundsätzlich mit progressiven Steuersätzen belegt: Für große und sehr große Einkommen und Erbschaften schlägt Piketty Steuersätze von 60 bis 90 Prozent vor – Steuersätze, die Länder wie die USA und Großbritannien viele Jahrzehnte aufwiesen, und dies insbesondere in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, die »zu den dynamischsten gehörten, die es jemals gab.« (S. 1210). Daneben plädiert Piketty für eine ebenfalls progressiv ausgestaltete Vermögenssteuer. Auf dieser Basis soll jeder junge Erwachsene – Piketty nennt als Beispiel ein Alter von 25 Jahren – 120.000 Euro als Startkapital erhalten.

Das zweite Element von Pikettys »Systems des sozialen und temporären Eigentums« ist die Stärkung der Beschäftigten in größeren Unternehmen: Diese sollen die Hälfte der Stimmen in den Aufsichträten ihrer Unternehmen erhalten. Zusätzlich soll die Macht von Besitzerinnen und Besitzern großer Aktienpakete beschnitten werden: Deren Stimmrecht ist auf höchstens zehn Prozent gedeckelt – egal, wie hoch der tatsächliche Anteil am gesamten Unternehmenskapital ausfällt.

Zwar plädiert Piketty an mehreren Stellen in »Kapital und Ideologie« auch für einen angemessen ausgebauten Sozialstaat. Allerdings macht er um die Frage einen Bogen, welche Leistungen die öffentliche Hand in welchem Umfang bereitstellen soll. Da er sich nicht grundsätzlich gegen kapitalistische Produktionsverhältnisse ausspricht, und er die Einnahmeseite des Staates deutlich stärken will, wären konkretere und systematische Überlegungen zu Aufgaben und Ausgaben der öffentlichen Hand eigentlich naheliegend gewesen. Das Fehlen einer solchen systematischen Analyse könnte damit zu tun haben, dass nach Pikettys Auffassung in den Nachkriegsjahren die Linke in vielen Ländern dazu neigte, für Verstaatlichungen einzutreten und dabei den wichtigen Zusammenhang von Steuern und Umverteilung zu vernachlässigen. Letzteres trifft sicherlich zu. Aber die Frage welche Aufgaben durch den Staat und welche durch private Unternehmen zu erfüllen sind, stellt sich natürlich, wenn über eine sozialistische Perspektive oder zumindest ein sozialeres Kapitalismusmodell diskutiert wird. Und für diesen Punkt liefert Piketty keine Antworten.

Insgesamt muss Piketty allerdings bescheinigt werden, dass er mit »Kapital und Ideologie« ein hochaktuelles und gut zu lesendes Buch geschrieben hat, das auf einer originellen und historisch breiten Grundlage Vorschläge für eine radikale linke Politik formuliert. Wer sich mit Verteilungsfragen befasst und wesentliche Fehlentwicklungen des zeitgenössischen Kapitalismus verstehen will, kommt um die Lektüre des Buchs nicht herum.

Bibliografische Angaben

Thomas Piketty, Kapital und Ideologie, Verlag C.H. Beck, München 2020, 39,95 Euro. ISBN 9783406745713.

Kai Eicker-Wolf ist Wirtschaftswissenschaftler und Gewerkschaftssekretär.

URL: https://www.blickpunkt-wiso.de/post/kapital-und-ideologie--2367.html   |   Gedruckt am: 20.10.2020