Rezension

Jenseits von Kohle und Stahl

28. Mai 2020 | Thomas Land

Die akademische Zeitgeschichtsschreibung unterliegt wie jede Forschung aktuellen Trends und Moden. Vor etwa zehn Jahren begann sich in der deutschen Geschichtswissenschaft ein Zugang zu etablieren, der in den Entwicklungen der 1970er Jahre den Schlüssel zum Verständnis unserer Gegenwart sieht. Der sogenannte Strukturbruch um die Mitte der 1970er Jahre war der Auslöser für einen sozialen Wandel von revolutionärer Qualität in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Die Auswirkungen sind bis heute zu spüren. Die Krisen der 1970er Jahre beendeten das »Goldene Zeitalter des Kapitalismus« (1945-1975), worauf die westlichen Industrienationen mit je unterschiedlichen, tendenziell aber ähnlichen Strategien neoliberaler Krisenlösung reagierten. Die Hauptrolle in diesem Stück spielte der Begriff der Krise: Die zunächst nur ökonomisch begründete Krise übertrug sich auf Staat und Gesellschaft, wurde schließlich zum Dauerzustand und ermöglichte so den Umbau ganzer Gesellschaften. Seit den 1980er Jahren bestand unter den politischen und wirtschaftlichen Eliten Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands – die drei von Raphael untersuchten Länder – ein Konsens über die neoliberale Neuausrichtung der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die »Gemeinsamkeiten seitens der regierungspolitischen Agenda in den drei Ländern zwischen 1983 und 2008« (S. 17) führten allerdings nicht zur Angleichung der Länder des Westens. Vielmehr erfolgte eine Vertiefung nationalspezifischer Unterschiede.

Von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft

Lutz Raphael hat nun mit »Jenseits von Kohle und Stahl« sein Opus magnum zur von ihm mitentwickelten Strukturbruchthese vorgelegt. Hierin beschreibt er – ausgehend vom Basisprozess der Deindustrialisierung – den »tiefgreifenden und krisenbeschleunigten Strukturwandel« (S. 9) der westlichen Gesellschaften im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Um den Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft zu erfassen, dem alle westlichen Volkswirtschaften zwischen 1970 und 2000 unterworfen waren, bedient sich Raphaels Analyse gleich fünf »wissenschaftliche[r] Beobachtungsformate« (S. 22): Der Zugriff auf Geschichte erfolgt bei ihm aus der Perspektive von politischer Ökonomie und Volkswirtschaft, rechtlichen Regulierungen, Wissensgeschichte und Bildungspolitik, wichtiger (Einzel-)Ereignisse und schließlich der sozialräumlichen Dimension von Transformationen.

Der Strukturwandel der westlichen Industriegesellschaften, so die zentrale These, verlief dabei weder linear, noch nach einem einheitlichen Muster. Deindustrialisierung war keine Einbahnstraße. Die drei miteinander verglichenen Länder Deutschland, Frankreich und Großbritannien gestalteten den Prozess der Deindustrialisierung sehr unterschiedlich. Geschwindigkeit und Intensität der Deindustrialisierung, sowie die damit verbundenen sozialen Umbrüche variierten aufgrund von staatlichen Interventionen, gewerkschaftlichen Strategien und betriebswirtschaftlichen Kalkulationen. Staatliche Förder- und Sozialpolitik, neue Methoden zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität (hier insbesondere Mikroelektronik und EDV) und die Formen der kollektiven Interessenvertretung der Industriearbeiter*innen treten als die wichtigsten Einflussfaktoren hervor. Zudem hatten die genannten Faktoren je nach Region und Branche sehr unterschiedlichen Einfluss.

Aus diesem Grund, so Raphael, könne man keineswegs von der Entstehung einer postindustriellen Welt sprechen. Hinzu kommt, dass im Rahmen einer weltweiten Arbeitsteilung eine globale Neuverteilung industrieller Standorte erfolgte. Während sich Nordamerika, Westeuropa und Japan auf technologieintensive Qualitätsproduktion sowie Forschung, Entwicklung und Planung konzentrierten, verlagerte sich die übrige Industrieproduktion vor allem in die asiatischen Länder. Auch schrumpfte der Industriesektor im Westen zwar sowohl absolut als auch relativ, verschwand jedoch keineswegs vollständig. Vielmehr kam es zu einer »Verschiebung volkswirtschaftlicher Wertschöpfung und Beschäftigung« (S. 37) vom industriellen zum Dienstleistungssektor. Deindustrialisierung bezeichnet damit eine Übergangsphase im Zeitraum von etwa 1970 bis 2000, »in deren Verlauf aus einer primär industriell geprägten Gesellschaftsordnung eine deutlich pluraler strukturierter Sozialordnung mit drei gleich starken Wirtschaftssektoren – öffentlicher Dienst, private Dienstleistungen und industrielle Produktion – geworden ist« (S. 477).

Der blinde Fleck der Kapitalseite

Vorgefundene Ordnungsmuster und vorgegebene Handlungsspielräume werden bei Raphael als Bedingungen institutioneller, kollektiver und individueller Aktivitäten beschrieben. Diese, so Raphael, wirken ihrerseits wiederum auf übergreifende Strukturen zurück. Anstatt konkrete Phänomene als Ausprägungen oder Folge einer anonymen Strukturlogik zu begreifen, wechselt Raphael beständig zwischen der Makroebene der Strukturen, der Mesoebene der Institutionen und Organisationen und der Mikroebene der Individuen. Damit grenzt er sich ausdrücklich gegen strukturalistische Ansätze mit ihren monokausalen Erklärungen ab, die keine handelnden Subjekte zu kennen scheinen. Aus der Verschränkung der verschiedenen Ebenen entsteht bei Raphael so eine Art dichter Beschreibung – auch wenn letztlich die Frage nach dem »jeweiligem Gewicht« und der »wechselseitigen Verzahnung« (ebd.) der Ebenen offen bleibt.

Raphaels Anspruch einer Synthese der fünf Beobachtungsformate mit ihren jeweils drei Ebenen tritt bisweilen hinter der Faszination für den Formenreichtum der Deindustrialisierung zurück. Auch die von Raphael vorgenommene Typenbildung hilft da nicht wirklich weiter. Zwar ermöglichen es die Typen, die detailreich beschriebenen Phänomene und Einzelfälle zu kategorisieren. Mehr als die Ausbreitung unterschiedlicher Reaktionsmuster auf eine bei Raphael weitgehend anonyme Globalisierung – in Bezug auf Staaten – oder einen zugleich universellen wie abstrakten Rationalisierungsdruck – in Bezug auf Betriebe – ist dies allerdings nicht. Da sich Raphael nicht mit der Kapitalseite im Prozess der Deindustrialisierung beschäftigt, fehlt ein wesentliches Erklärungselement gesellschaftlicher Transformation: Seine Perspektive ist die der Arbeit. Raphael verfolgt so die Auswirkungen bis in die einzelnen Wohnviertel und Arbeiterfamilien hinein, ohne aber die Ursache zu benennen, denn Arbeit ist eine abhängige Variable des Kapitals. So bekommt man den Eindruck, alle Akteur*innen in Raphaels Studie reagieren nur. Staaten, Betriebe und Arbeiter erscheinen als Getriebene von Verhältnissen, die ihnen zwar diverse Spielräume eröffnen, ihnen ansonsten aber als etwas Externes und Fremdes gegenübertreten. Raphael verweist zwar häufig auf Konkurrenz als eine Motivation für das Handeln, erwähnt aber kaum das Motiv der Profitsteigerung. Das ist bedauerlich, denn so bleibt Raphael am Ende nur übrig, eine Überfülle von parallelen Entwicklungen festzuhalten, die einen Variantenreichtum der Deindustrialisierung präsentieren, der sich kaum mehr auf einen Begriff bringen und schon gar nicht erklären lässt.

Zwar geht Raphael durchaus auf die politischen Programme zur Liberalisierung und Flexibilisierung von Arbeit, die Projekte der Privatisierung, die Einrichtung von nationalen, europäischen oder globalen Märkten, den Abbau von Handelsbeschränkungen, die nationalstaatlichen Strukturpolitiken und dergleichen mehr ein. Unterbelichtet bleibt aber, warum eine erfolgreiche Standortpolitik Grundlage internationaler Wettbewerbsfähigkeit ist. Da Raphael keinen Begriff vom Nationalstaat in seiner Rolle als ideeller Gesamtkapitalist hat, wird nicht klar, wie die staatliche Förderung der jeweiligen Volkswirtschaften und die konkrete Ausgestaltung der Spielregeln des Kapitalismus mit dem nationalen ökonomischen Interesse verknüpft sind. Raphael schreibt die Deindustrialisierung als Geschichte der Arbeit – das ist äußerst informativ und lesenswert. Jedoch müssten nun Band 2 zum Kapital und Band 3 zum Staat folgen.

Bibliografische Angaben

Lutz Raphael 2019: Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom. Suhrkamp Verlag, Berlin. ISBN: 978-3-518-58735-5. 525 Seiten. 32,00 Euro.

Thomas Land ist Assoziierter Doktorand am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt.

URL: https://www.blickpunkt-wiso.de/post/jenseits-von-kohle-und-stahl--2365.html   |   Gedruckt am: 04.07.2020