Die orthodoxe Wirtschaftswissenschaft als Grundlage des Neoliberalismus

29. Mai 2019 | Ulf Hübenbecker

Der Neoliberalismus fußt auf der heute an Hochschulen und Instituten dominierenden Wirtschaftswissenschaft. Wer eine andere Gesellschaft will, braucht deshalb ein anderes Denken über Wirtschaft – ein realistischeres und vielfältigeres.

Neoliberalismus und orthodoxe Wirtschaftswissenschaft

Zunächst sei der Neoliberalismus betrachtet. Manche Menschen meinen gar, dass es ihn überhaupt nicht gebe bzw. dass kein einheitliches Konzept dahinter stehe und dementsprechend der Begriff in ernstzunehmenden Diskussionen vermieden werden sollte. Nach dieser Lesart tritt der Begriff »Neoliberalismus« dann hauptsächlich als Diffamierungsbegriff auf. In diesem Artikel soll Neoliberalismus allerdings nicht in dieser Art aufgefasst werden. Wie ist es dennoch möglich, den Begriff auch in einem ernstzunehmenden Sinne greifbar zu machen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass sich heutzutage nahezu niemand freiwillig als »neoliberal« bezeichnen lässt?

Die inhaltliche Natur des Neoliberalismus in allen seinen Facetten darzustellen ist ein umfangreiches Unterfangen, welches hier nicht geleistet werden kann. Doch die Abgrenzung hin zum klassischen Liberalismus kann viele Fragen beantworten. War der klassische Liberalismus noch sehr viel mehr von einem Automatismus ausgegangen, demzufolge sich das liberale Gesellschaftsbild und damit auch die klassisch liberale Marktgesellschaft von alleine durchsetzt, sind die Anhänger des Neoliberalismus von einem solchen vorgezeichneten Weg nicht mehr überzeugt. Vielmehr bedarf es in ihren Augen der bewussten Einflussnahme für dieses Marktsystem, quasi einer »Planung für den Markt«, wie Thomasberger (2012) treffend formuliert. Dies stellt die maßgebliche Neuerung gegenüber dem klassischen Liberalismus dar. Deshalb wäre es auch falsch, den Neoliberalismus schlicht als »Marktfundamentalismus« oder »Marktradikalismus« zu bezeichnen. Die Neoliberalen wollen die Form und die Funktion des Staates neu definieren – ganz im Sinne des Marktes, aber eben nicht durch den Markt.

Der große Widerspruch besteht darin, dass in der Gesellschaft keine objektiven Gesetze gelten können, der Neoliberalismus aber dennoch versucht, sich auf solche Gesetze zu berufen. Deutlich wird dies in der politischen Forderung nach Errichtung einer Marktgesellschaft, weil diese effizienter sei als eine geplante Wirtschaft, mehr Wachstum verspreche und mehr Wohlstand schaffe. Legitimiert werden soll dies durch die Wirtschaftswissenschaften und über diese in Form einer Gesetzmäßigkeit. Diese »doppelten Wahrheiten« sollten als eine politische Technik verstanden werden: Es werden einfach beide Behauptungen gleichzeitig vertreten. Mirowski (2015) unterscheidet dabei einen exoterischen Kreis im neoliberalen Denkkollektiv, der jeweils eine Meinung für die breite Masse vertritt, und einen esoterischen Kreis, der für eine kleine Elite innerhalb des Neoliberalismus argumentiert (Mirowski 2015, S. 75 f.).

Wie steht es nun um die orthodoxe Wirtschaftswissenschaft? Und was ist überhaupt »orthodox«? Die Orthodoxie erhebt einen Anspruch auf »das Richtige«, wie der Wortursprung dies auch nahelegt. Es geht also um einen Geltungsanspruch. Sinnvoll erscheint eine Unterteilung der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft in Lehre, Forschung und Politikberatung.

In der Lehre ist die Wirtschaftswissenschaft relativ homogen. Dies kann unter anderem an ökonomischen Lehrbüchern nachgewiesen werden. So haben Lee & Keen (2004) 74 Lehrbücher mit Blick auf die Mikroökonomik untersucht. Die Mikroökonomik ist neben der Makroökonomik und der Ökonometrie eines der wesentlichen wirtschaftswissenschaftlichen Schwerpunktfächer, die heute an den Hochschulen und Universitäten unterrichtet werden. In ihrer Studie kommen sie zu dem Schluss, dass in den Lehrbüchern immer die gleichen Inhalte und Methoden zu finden sind, vornehmlich neoklassischer Prägung.

Was aber ist die Neoklassik? Es handelt sich um eine Denktradition, die sich im historischen Sinne von der Klassik absetzt. Zu letzterer werden unter anderem die Ökonomen Adam Smith und David Ricardo, aber auch Karl Marx gezählt. Anders als die »Klassiker«, die, sehr verkürzt dargestellt, eine Arbeitswertlehre vertreten, wonach Arbeit Wert erzeugt, wandten sich die Neoklassiker dem sogenannten Marginalkonzept bzw. der Grenzwertanalyse zu. Insbesondere stellen die Neoklassiker den Nutzen in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen und versuchen, über diesen die Preise zu erklären.

Ein Abweichen von den Inhalten der Lehrbücher und dem Lehrplan hat es auch nach der Finanzkrise 2007/2008 nicht gegeben, was Reardon (2012) zu der Frage bewegt, ob in der Nukleartechnologie ebenfalls die Lehrbücher beibehalten worden wären, wenn deren Praxis zu einer Kernschmelze in Atomkraftwerken führen würde. Hierbei sollte die Suggestivkraft der Lehrbücher nicht unterschätzt werden, schließlich vermitteln sie die »ordentliche« Herangehensweise an ökonomische Sachverhalte (Pahl 2011, S. 369). Was den Studierenden im Studium vermittelt wird, das wird sie prägen. Im Laufe der Zeit werden Lehrstühle dann mit eben solchen Studierenden besetzt. Lichtblicke in Hinsicht auf eine kritische Einstellung dazu eröffnen die Hochschulgruppen der Pluralen Ökonomik. Sie fordern unter anderem eine Pluralisierung der Lehre. Allerdings wird ihnen noch immer viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

In der Forschung sieht es schon komplizierter aus. Die meisten Professoren und Professorinnen in der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft würden es ablehnen, sich der Denkschule der Neoklassik zuzurechnen. Viele meinen, die Profession habe sich schon lange weiterentwickelt und Kritik, die heute an die Wirtschaftswissenschaft gerichtet wird, sei im Grunde längst veraltet und es bedürfe nur etwas mehr Aufklärung und Wissensvermittlung, um die Kritiker zu besänftigen. Ein Argumentationsmuster, das auch aus der Politik bekannt ist. Wie schon beim Neoliberalismus, den es für viele Forscher nicht gibt, so ist auch die Neoklassik für viele Wissenschaftler nicht (mehr) existent.

Tatsächlich: Die Wirtschaftswissenschaften haben sich in den letzten 20 Jahren weiterentwickelt. Es gibt viele neue und weniger neue Felder wie die Spieltheorie, die Verhaltensökonomie oder die Evolutionäre Ökonomie, die vieles infrage gestellt haben, was die Neoklassik auszeichnet. Fraglich ist jedoch, ob in diesen neuen Ansätzen ein Bruch mit der Tradition gesehen werden kann. Heterodoxe Ökonomen, also Wirtschaftswissenschaftler, die sich offen gegen die Orthodoxie stellen, zweifeln eben einen solchen Bruch stark an. Sie konstatieren weitestgehend übereinstimmend, dass alle diese neuen Strömungen in der Orthodoxie sich durch eine starke Formalisierung, Mathematisierung und Modellierung auszeichnen. Es geht weniger um Inhalte als um die Methode an sich. Zusammengefasst werden kann dies ganz nach der Losung »Form über Inhalt«. Eine einseitige Ablehnung der Mathematik ist allerdings auch nicht das Ziel von heterodoxen Ökonomen. Nur die allerwenigsten wollen die Mathematik aus den Wirtschaftswissenschaften verbannen. Es geht unter anderem um eine kritische Auseinandersetzung über die Methodik und die Aussagekraft von bestimmten Modellen. Und es geht darum, diese nicht wie naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten darzustellen.

Mit der Politikberatung ist nun der Weg zum Neoliberalismus eröffnet. Das neoliberale Projekt beruft sich auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft. Es ist dieser wissenschaftliche Aspekt, der dem Neoliberalismus seine Dominanz verleiht. Es wäre unangemessen, alle Neoklassiker bzw. orthodoxe Wirtschaftswissenschaftler als neoliberal zu bezeichnen. Vielmehr liegen die beiden Begrifflichkeiten auf unterschiedlichen Ebenen. Der Neoliberalismus nutzt die naturwissenschaftlich anmutenden »Gesetzmäßigkeiten«, um »Planung für den Markt« zu betreiben bzw. um das Marktsystem als Grundlage der modernen Zivilisation und der menschlichen Freiheit darzustellen. Dabei wird immer wieder dessen Stabilität und die Effizienz betont. Es bedurfte erst der Verwissenschaftlichung, damit der Neoliberalismus erfolgreich sein konnte. Nordmann (2008) meint in diesem Zusammenhang, dass sich neoliberale Theorien erst »verwissenschaftlichen mussten, bevor sie politisch erfolgreich sein konnten. Der Erfolg des neoliberalen Denkstils ist ohne den Aufstieg der Wirtschaftswissenschaften nicht schlüssig zu erklären« (Nordmann 2008, S. 112).

Ein genauerer Blick auf die orthodoxe Wirtschaftswissenschaft

Wie kann sich der Neoliberalismus die Ergebnisse der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft zu eigen machen? Dazu sollen drei Fragen an diese gerichtet werden: (1) Was sind die fundamentalen Dinge, die nach der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft überhaupt existieren? Dies klingt sehr abstrakt, aber es muss geschaut werden, was die Grundlage der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft ist. (2) Wie können diese Dinge erkannt werden? Also wie wird Wissen erlangt über die Dinge in der Welt? Und (3) mit welchen Methoden soll Wissen erlangt werden? Die Orthodoxie vermittelt ein bestimmtes Wissenschaftsbild, von dem der Neoliberalismus ungemein profitiert – dieses gilt es aufzuzeigen. Anders formuliert: Es geht darum zu zeigen, »wie Wirtschaftswissenschaft betrieben werden soll«. Denn jeder Wissenschaftler muss sich Gedanken darüber machen, was Wissenschaft überhaupt ist. Dabei müssen Kriterien angeführt werden, die Wissenschaft zum einen möglich machen und zum anderen abgrenzen von Nicht-Wissenschaft.

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Für die Frage nach dem, was es in der Welt aus Sicht der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft gibt, sollten nicht die typischen (neoklassischen) Antworten gegeben werden – etwa die von rationalen Individuen, Optimalitätskalkülen oder Markträumung. Stattdessen müssen tieferliegende Merkmale gefunden werden. Ein solches Merkmal könnte der sogenannte Methodologische Individualismus sein. Knapp zusammengefasst besteht nach diesem die Gesellschaft aus Individuen – und sonst nichts. Menschen gelten hier weitestgehend als isolierte Atome, die sich in geschlossenen Systemen bewegen.

Ein weiteres Merkmal der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft ist ihr Instrumentalismus. Der Instrumentalismus steht dem Realismus entgegen. Unter einem realistischen Standpunkt werden generelle Aussagen vorgenommen, die behaupten, dass etwas existiert, etwa in der Form »X existiert«. Anders die Instrumentalisten, die wissenschaftliche Theorien mehr als Instrumente verstehen, um damit Vorhersagen zu treffen. Ihnen ist es egal, ob bestimmte Dinge tatsächlich existieren. Wichtig ist ihnen vielmehr nur, ob ihre Modelle bestimmte Dinge erklären können. Dies führt zu einer ausufernden Modellwelt, die nicht nur vielen externen Beobachtern kritisch auffällt.

Der Methodologische Individualismus wirkt klar ausgrenzend in dem Sinne, dass »das große Ganze« keine Beachtung mehr findet. Strukturen, Institutionen wie auch die Gesellschaft als Ganze oder Phänomene wie der Kapitalismus sind für orthodoxe Wirtschaftswissenschaftler entweder uninteressant oder wissenschaftlich nicht mehr relevant. Dies liegt daran, dass der Methodologische Individualismus nur sehr einfache Beziehungen darstellen kann. Komplexere Formen des Zusammenlebens liegen nicht in seiner Natur und damit scheidet Kapitalismusforschung weitestgehend aus. Argumentiert wird dabei nach folgendem Muster: Passagen, die schwierig zu interpretieren sind, existieren nicht oder sind nicht Teil der besten wissenschaftlichen Theorien. Denn jede Theorie gibt unterschiedliche Antworten darauf, was Phänomene wie Kapitalismus oder komplexe Institutionen ausmachen. Dann würde das Feld der Wissenschaft verlassen werden und lediglich politisch argumentiert werden. Dazu kann konstatiert werden, dass Sozialwissenschaftler mit den Inhalten ihrer Theorien verbunden sind, sodass eine Untersuchung der Aspekte Rückschlüsse liefern kann über die Haltung und die Weltanschauung eines Wissenschaftlers.

Der Instrumentalismus hingegen wirkt ermöglichend dadurch, dass er eine Modellwelt zulässt, nach der ein freier Markt die beste aller möglichen Welten schaffen kann. Es werden Perfektheiten betrachtet, wie eben der vollkommene Wettbewerb. Für die Wirtschaftswissenschaften liefert Walter Otto Ötsch (2009) eine ausführliche Darstellung, wie sich die Modellwelt bemerkbar macht: Im Modell des Marktes findet eine strenge Abgrenzung zu einem »Nicht-Markt« statt. Der Markt darf keine Spuren enthalten von »Gesellschaft« oder »Sozialem«. Die Wissenschaft der Wirtschaft wird von anderen Disziplinen wie der Soziologie, der Sozialpsychologie, der Geschichte oder der Politikwissenschaft radikal abgetrennt. Der Bereich der Wirtschaft soll als abgeschlossenes System dargestellt werden (Ötsch 2009, S. 112 ff.).

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Wie gelangen die Wirtschaftswissenschaftler zu Erkenntnissen? Die Modellwelt wie auch eine dem Realismus entgegenstehende Haltung wurden bereits angesprochen. Wichtiger Begleiter beider ist eine Forderung, die auf Milton Friedman zurückgeht, dass die Annahmen zu den Modellen nicht zwangsläufig realitätsnah sein müssen. Vielmehr komme es auf gute Prognosen an. Ebenfalls von Friedman kommt der Appell, die Wirtschaftswissenschaft in eine positive und eine normative Sphäre zu unterteilen. »Positiv« bedeutet hier »frei von Werturteilen«, also »reine Wissenschaft« wie in der Physik ohne störendes Beiwerk wie Meinungen, Ethik und Moral. Die normative Sphäre erlaubt Werturteile, ist aber unwissenschaftlicher, soll entsprechend eher gemieden und der Politikwissenschaft überlassen werden. Die unrealistischen Annahmen ermöglichen hier den Weg zu einer Modellwelt, in der wirklich alles mathematisch gezeigt werden kann. Mit der Unterteilung in positive und normative Wirtschaftswissenschaft kann dann alles Unliebsame, das einen sozio-politischen Anschein erweckt, aus der Wissenschaft ausgeschlossen werden. Mit dem angeblich wertfreien Effizienzmaßstab kann dann die Stärke des Marktes dargelegt werden. (Dabei drängt sich ein Widerspruch schon hier auf: Auch Effizienz ist eine normative Vorgabe.)

Hinzu kommt der sogenannte Falsifikationismus, welcher auf den Philosophen Karl Popper zurückgeht. Ihm zufolge ist es nötig, Aussagen durch Beobachtungen als falsch herausstellen zu können, sprich: falsifizieren zu können. Dieses Kriterium steht in Verbindung mit einer »Korrespondenztheorie der Wahrheit«. Die Wahrheit könne nie erreicht werden, aber es werde sich dieser Stück für Stück weiter angenähert. Mit dem Falsifikationismus wird auch hier wieder Wissenschaft von Nicht-Wissenschaft getrennt. Gleichzeitig wird der Weg für »die Wahrheit« im Sinne eines mechanischen Prozesses bereitet. Hierbei wird der Marktgedanke auf die Wissenschaft übertragen: Wenn die Wirtschaftswissenschaftler fleißig falsifizieren, kommen sie der Wahrheit automatisch näher. Einfluss, Macht, Prestige, Denkschulen werden dabei völlig ausgeklammert. Die Wissenschaft gewinnt dadurch an Legitimität, sodass der Wissenschaftler auch hier wieder als neutraler Experte erscheint, der frei von jeglichen normativen Werturteilen oder Meinungen sei.

Zuletzt sollen zwei Aspekte Erwähnung finden, die auf Friedrich August von Hayek zurückgeführt werden können. Ein erster besagt schlicht und einfach, dass kein Mensch bzw. kein sozialer Planer alle Informationen verarbeiten könne, um für die Gesellschaft das bestmögliche Ergebnis zu erreichen. Als zweiter Aspekt resultiert hieraus die Vorstellung des Marktes als »spontaner Ordnung« oder Informationsprozessor, der eben diese Informationen ganz im Sinne von Adams Smiths unsichtbarer Hand verarbeitet. »Spontan« ist diese Ordnung bei Hayek, weil eben kein Plan mehr dahintersteht. Geplantes menschliches Handeln wird demnach weitestgehend zurückgewiesen, wohingegen dem Markt eine Sonderstellung eingeräumt wird. Es handelt sich um einen evolutionären Prozess, dem sich kein Mensch entziehen könne. Entsprechend müsse man sich der Allwissenheit des Marktes beugen.

Befördert wird so ein Markt-Denken, welchem der Neoliberalismus seine Legitimation unübersehbar verdankt.

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Es bleibt die Frage, mit welchen Methoden die Wirtschaftswissenschaften zu Wissen gelangen. Die Wirtschaftswissenschaften arbeiten nahezu ausschließlich in und mit Modellen. Dabei gibt es für jeden Sachverhalt das passende Modell. Versagt das eine, wird einfach ein Alternativmodell mit etwas abweichenden Annahmen erstellt. So gelingt eine optimale Immunisierung gegenüber Kritik.

Ökonomische Modelle können zum einen als Idealisierungen aufgefasst werden, als eine annäherungsweise Abbildung der Wirklichkeit. Dies ist aus der Schulzeit bekannt, wenn man in der Physik beim Fallgesetz den Luftwiderstand idealerweise unberücksichtigt lässt. Ökonomische Modelle können aber auch als Fiktionen bzw. als Gedankenexperimente gelesen werden. Grundlage sind hier die unrealistischen Annahmen, aus denen richtige Schlussfolgerungen gezogen werden können. Eine weitere Lesart sind ökonomische Modelle als Heuristiken, also als »Pi mal Daumen-Regeln«, als nicht gesetzesartige Aussagen. Es handelt sich hierbei um eine noch weiter abgeschwächte Version der Legitimierung. Zuletzt können ökonomische Modelle auch als Metaphern gesehen werden. Sie beinhalten einen kulturellen Aspekt und dienen vor allem der Kommunikation. Das bekannteste Beispiel aus der Wirtschaftswissenschaft ist wohl die »unsichtbare Hand« von Adam Smith. Dabei ist wichtig, dass diese Metapher immer wiederholt wird, bis sie quasi in Fleisch und Blut übergegangen ist. Diese unterschiedlichen Lesarten legitimieren die Modelle der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft – mal streng wissenschaftlich, mal (etwa wenn ein Wissenschaftler in Erklärungsnot gerät) eher Pi mal Daumen.

Fazit

Das Nachdenken über Wissenschaft bzw. darüber, wie Wissenschaft funktioniert, hilft, den Neoliberalismus besser zu verstehen und zu enttarnen. Jeder Wissenschaftler und jede Wissenschaftlerin muss sich darüber Gedanken machen, was Wissenschaft eigentlich ist. Das gegenwärtige Selbstverständnis der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft verleiht dem Neoliberalismus seine Legitimation. Ein anderes Wissenschaftsbild ist jedoch möglich und erstrebenswert.

Dieser Artikel beruht auf einer wissenschaftlichen Ausarbeitung des Autors zum Thema mit dem Titel »Wechselwirkungen zwischen orthodoxer Wirtschaftswissenschaft und Neoliberalismus«. Die Literaturangaben können dort nachvollzogen werden.

URL: https://www.blickpunkt-wiso.de/post/die-orthodoxe-wirtschaftswissenschaft-als-grundlage-des-neoliberalismus--2309.html   |   Gedruckt am: 14.10.2019