Rezension

Kompetent, flexibel, angepasst. Zur Kritik neoliberaler Bildung

4. März 2019 | Sebastian Friedrich

Das bürgerliche Feuilleton und die linke Gesellschaftskritik sind sich in einem Punkt einig: Die neoliberale Ideologie der Selbstoptimierung hat sich tief in unsere Köpfe eingebrannt. Im gesamtgesellschaftlichen Hamsterrad sind wir umgeben von Ichlingen, die mit weit ausgefahrenen Ellbogen versuchen, uns abzuhängen - und wir rennen mit ihnen um die Wette. Wir machen Überstunden, ohne es zu merken, versuchen Samstag auf der Party noch Kontakte zu knüpfen, die uns weiterbringen könnten, schrammen regelmäßig an einem Burnout vorbei, das wir nur verhindern können, weil wir die Ratschläge der Selfcare-Industrie befolgen.

Und die neoliberale Ideologie hat ja auch was für sich. Der Neoliberalismus ist deshalb seit mehreren Jahrzehnten hegemonial, weil er die Kritik am piefig-biederen Nachkriegskapitalismus, am normierten Leben in Westeuropa und in Nordamerika in sich aufgenommen hat. Daraus entstand »der neue Geist des Kapitalismus«, wie Luc Boltanski und Éve Chiapello Ende der 1990er Jahre schrieben. Seit Veröffentlichung dieser herausragenden Studie sind diverse linke Analysen zu diesem Thema erschienen. Neoliberale Ideologie - so scheint es - ist so langsam ausgeforscht. Nicht ganz, denn bisher ist wenig erschienen zur neoliberalen Schule, vor allem wenig Konkretes. Diese Lücke schließt das Buch »Kompetent, flexibel, angepasst«. Der Lehrer Andreas Hellgermann holt darin aus zum Rundumschlag gegen das hiesige Schul- und Bildungssystem in Zeiten des Neoliberalismus - einer Zeit also, deren Alltag durch Individualisierung und die Verinnerlichung von Marktprinzipien auf alle Lebensbereiche gekennzeichnet ist.

Die neoliberale Kritik am Nürnberger Trichter

In den Schulen sowie Ausbildungs- und Fortbildungsstätten lautet der Schlüsselbegriff »Kompetenz- und Handlungsorientierung«. Es ist das vorherrschende Paradigma - in Abgrenzung zum sogenannten Nürnberger Trichter. Die Neoliberalen im Bildungsbereich hatten es irgendwann satt, immer nur alles in die Schüler_innen hineinzustopfen, was diese dann wenige Stunden nach der geschriebenen Klausur wieder auskotzen. Sie hatten es nicht satt, weil sie das Prinzip grundsätzlich ablehnten, sondern weil es nicht mehr zeitgemäß schien. Der flexibilisierte Arbeitsmarkt, flache Hierarchien in den Unternehmen sowie die Ausdifferenzierung und Spezialisierung der Arbeitswelt in den ehemaligen Industrieländern erforderten neue, dynamischere Konzepte. »Dementsprechend sind Bildung und Erziehung auf der individuellen und auf der gesellschaftlichen Ebene immer als Investitionen in das vorhandene und zu vergrößernde Humankapital anzusehen«, schreibt Hellgermann zutreffend.

Er belässt es aber nicht bei der Kritik am Zweck der neoliberalen Schule. Sowohl beim Nürnberger Trichter als auch bei der neoliberalen Kompetenzorientierung gerät eines aus dem Blickfeld: die Gesellschaft als Ganzes zu verstehen. Die Kompetenzen, die heute in den Schulen erlernt werden sollen, reproduzieren vielmehr die bestehenden Prämissen. Das Credo: Alle Stolpersteine, die im Weg liegen, sollen umgangen oder aus dem Weg geräumt werden. Dass es aber wenig sinnvoll ist, einen Wettlauf direkt neben einer bröckelnden Felswand zu absolvieren, interessiert da wenig. Die Lehrer_innen sollen die Schüler_innen permanent auf den Wettbewerb vorbereiten, für Infragestellungen bleibt da kaum Platz.

Hellgermann zeigt auch: Die heutige Schule erscheint im Vergleich zu früheren weniger autoritär, weniger herrschaftsstabilisierend ist sie dadurch keineswegs. Wenn das Subjekt die gesellschaftlichen Anforderungen verinnerlicht hat, wenn es die eigene Unterwerfung als Freiheit versteht, wie es der Publizist Patrick Schreiner mal genannt hat, benötigt es keine autoritäre Disziplinierung mehr. Es diszipliniert sich selbst. Die neoliberale Schule kann somit gut auf Stockschläge des Lehrers verzichten.

Das Buch richtet sich vor allem an Lehrer_innen, ist aber auch für Linke außerhalb des Bildungswesens lesenswert. Hellgermann kritisiert ein Phänomen, das allumfassend ist, schreibt erfrischend zugänglich und macht deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Bildung und Erziehung weiter oben auf der linken Agenda stehen müsste. Dabei plädiert er mit dem brasilianischen Pädagogen Paulo Freire (1921-1997) für eine Befreiungspädagogik. Freire ging es darum, durch Dialog und einen reflexiven Prozess zwischen Schüler_innen und Lehrer_in das gesellschaftliche Ganze zu begreifen.

Emanzipation, Autonomie und Solidarität

Es geht also nicht darum, bloße Kompetenzen zu erlangen, um sich innerhalb des Hier und Jetzt zu behaupten, sondern darum, das Hier und Jetzt überhaupt erst einmal als solches zu erkennen. Freire spricht in diesem Zusammenhang von einer problemformulierenden Methode. Diese steht im Gegensatz zur vorherrschenden Handlungskompetenz. »Während die neoliberale Schule die Bewältigung der Situation vor Augen hat, geht es hier um Veränderung der Gegebenheiten und damit der Situation«, schreibt Hellgermann, der am Ende eine politische Didaktik skizziert, in deren Zentrum die Begriffe Emanzipation, Autonomie und Solidarität stehen. Illusionen macht er sich nicht: Die Schule steht nicht außerhalb des gesellschaftlichen Ganzen, aber sie kann einen Beitrag dazu leisten, das Ganze zu verändern. Momentan tut sie das Gegenteil.

Bibliografische Angaben

Andreas Hellgermann: Kompetent, flexibel, angepasst. Zur Kritik neoliberaler Bildung. Edition ITP-Kompass, Münster 2018. 180 Seiten. 14,80 EUR.

Dieser Artikel erschien zuerst in analyse&kritik. Wir danken für die Genehmigung zur Zweitveröffentlichung.

Sebastian Friedrich ist Journalist und Publizist aus Hamburg. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Sozialstaatsdiskurse, Neue Rechte, AfD, Kritische Soziale Arbeit, Diskursanalyse sowie Klassenanalyse. Als @formelfriedrich twittert er regelmäßig. Seine Homepage: sebastian-friedrich.net.

URL: https://www.blickpunkt-wiso.de/post/kompetent-flexibel-angepasst-zur-kritik-neoliberaler-bildung--2282.html   |   Gedruckt am: 16.10.2019