Rezension

Schönes neues Geld

6. September 2018 | Patrick Schreiner

Der Wirtschaftsjournalist Norbert Häring warnt vor der totalen Überwachung. Seine Befürchtung: Wir sind ihr näher, als man meinen könnte – auch dank der immer weiter verbreiteten digitalen Bezahlsysteme.

Um es vorweg zu sagen: Anders, als der Titel vermuten lässt, ist dies in erster Linie kein Buch über Geld. Häring hat ein Buch über den schleichenden Verlust unserer Privatsphäre geschrieben, über die drohende totale Überwachung – und über die Rolle, die die Digitalisierung des Geldes dabei spielt.

Einleitend schreibt er:

Die Abschaffung der Privatsphäre in Finanzdingen [wird] fernab der Parlamente in einem diffusen transnationalen Nirgendwo beschlossen, von Gruppen, die sich demokratischer Kontrolle gekonnt entziehen.

Diese These belegt Häring anhand zahlreicher Beispiele. Er zeigt, wie Entwicklungshilfe genutzt wird, um digitale Bezahlsysteme in Entwicklungsländern durchzusetzen – nicht zuletzt unter dem schön klingenden Schlagwort der »finanziellen Inklusion«. Die Ärmsten der Armen, die sich nicht wehren können, werden so zu globalen Versuchskaninchen. Er zeigt, wie man in den westlichen Industriestaaten auf sehr viel subtilere Weise das gleiche Ziel verfolgt. Er zeigt, wie digitale Bezahlsysteme mit biometrischen Technologien verknüpft werden. Er zeigt, welche Rolle Regierungen, Zentralbanken, Geheimdienste, Wirtschaftsverbände, Banken und die großen Technologiekonzerne wie Google, Amazon, Facebook oder WeChat bei alldem spielen. Und er zeigt, wie sich diese Akteure vernetzen, wie sie Hand in Hand agieren, dabei die Grenzen zwischen »staatlich« und »kommerziell« verschwimmen lassen und die Demokratie aushebeln.

Nicht zuletzt zeigt Häring an vielen Beispielen, dass digitale Bezahlsysteme stets auch digitale Überwachungssysteme sind. So etwa, um ein besonders eindrückliches und erschreckendes Beispiel herauszugreifen, in Passagen über den Zahlungsdienste-Anbieter PayPal. Häring beschreibt detailliert, an wen PayPal unsere persönlichen Daten (wie Name, Adresse, Geburtsdatum, Telefonnummer, Ergebnisse von Kreditwürdigkeitsprüfungen, verwendete Computertechnologien, gekaufte Produkte usw.) weitergibt. Es sind insgesamt etwa 30 Unternehmen – überwiegend solche, die Profile über uns anlegen, um sie zu Marketing-, Kontroll- und sonstigen Zwecken zu nutzen oder an Dritte weiterzuverkaufen. Eine Zweckbindung gibt es bei alldem nicht. Und auch eine Begrenzung der Speicherdauer gibt PayPal nicht vor. Wir werden gläsern, ohne es zu merken – nicht zuletzt auch dadurch, dass auch Geheimdienste und andere staatliche Behörden Zugriff auf die gespeicherten Daten haben.

Wenn in Europa Datenschützer und EU-Kommission die im Mai 2018 (nach einer zweijährigen Übergangszeit) endgültig in Kraft getretene Datenschutz-Grundverordnung feiern, dann erscheint dies doch reichlich naiv. Nach Lektüre von »Schönes neues Geld« drängt sich ein Verdacht auf: Hält man die europäische Öffentlichkeit zum Narren? Gewiss, wir wissen nun, wie PayPal mit unseren Daten umgeht. Und wir können die Herausgabe der über uns gespeicherten Daten verlangen. Mehr Transparenz also. Die äußerst fragwürdigen Geschäftsmodelle der (vorwiegend, aber nicht ausschließlich US-amerikanischen) Digitalkonzerne jedoch hat man nicht unterbunden. Das war und ist kein Ziel der Datenschutz-Grundverordnung. Sie können fröhlich weiter unsere Daten sammeln, verkaufen und auswerten. Dafür brauchen sie nun zwar im Regelfall unser Einverständnis. Das werden wir ihnen aber geben müssen, je monopolistischer die digitalen Bezahlsysteme und Plattformen geworden sind. Denn ohne unser Einverständnis, mit unseren Daten Schindluder zu treiben, lassen sie uns ihre Dienstleistungen nicht nutzen. Hier entpuppt sich die Vorstellung vom selbstverantwortlichen Individuum als kürzester Weg in die freiwillige totale Überwachung. Und der ach so gefeierte europäische Datenschutz erweist sich als zahnloser Tiger.

Häring nennt Namen und Fakten. Er beschreibt Zusammenhänge und Hintergründe, die erschrecken. Er hat ein gelungenes und beängstigendes Buch geschrieben – das aufrütteln soll und das hoffentlich auch tut. Sein Plädoyer, wenn's um Geld geht: Wir sollten mehr Bargeld verwenden. Denn nur Bargeld ist anonym, nur Bargeld produziert keine Daten.

Bibliografische Angaben

Norbert Häring: Schönes neues Geld. PayPal, WeChat, Amazon Go - Uns droht eine totalitäre Weltwährung. Campus-Verlag 2018, ISBN 978-3-593-50914-3, 256 Seiten, 19,95 Euro.

Patrick Schreiner ist Gewerkschafter und Publizist aus Bielefeld/Berlin. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Wirtschaftspolitik, Verteilung, Neoliberalismus und Politische Theorie.

URL: https://www.blickpunkt-wiso.de/post/schoenes-neues-geld--2243.html   |   Gedruckt am: 12.11.2018