Die Wahnsinnsidee von der Mikrofinanz

14. Mai 2018 | Milford Bateman

Alles begann mit einer sehr optimistischen Idee. Vor rund dreißig Jahren noch glaubte man, dass die perfekte Idee zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und Armut in den Entwicklungsländern in Form von Mikrokrediten gefunden war.

Mikrofinanz meint die Bereitstellung zahlreicher, winziger Mikrokredite, die von den Armen genutzt werden sollten, um sich eine das Einkommen sichernde Tätigkeit aufzubauen. Die Idee der Mikrofinanz ist am engsten mit dem in den USA ausgebildeten Ökonomen aus Bangladesch und Friedensnobelpreisträger von 2006, Dr. Muhammad Yunus, verbunden.

Da dieser Ansatz die Selbsthilfe und das individuelle Unternehmertum feiert und damit implizit alle Formen kollektiver Anstrengungen diskreditiert, wie etwa Gewerkschaften, soziale Bewegungen, Genossenschaften, öffentliche Ausgaben, eine gegen die Armut gerichtete staatliche Entwicklungsstrategie (developmental state) und kollektive Maßnahmen zur gerechteren Umverteilung von Reichtum und Macht, verliebten sich die neoliberalen Entscheidungsträger in der internationalen Entwicklungshilfe-Community sofort in diese Idee. Die Weltbank, die amerikanische entwicklungspolitische Behörde USAID und andere Organisationen begannen daher, das Konzept aggressiv voranzutreiben. Um gleichzeitig auch den allgemeinen Bedarf an Subventionen und Zuschüssen zu reduzieren, stand schnell fest, dass man die Mikrofinanz in ein gewinnorientiertes Geschäft umwandeln wollte. Sie wurde somit schnell zum profiliertesten, am großzügigsten finanzierten und angeblich effektivsten Instrument der internationalen Entwicklungsgemeinschaft.

Schmerzhaftes Aufeinandertreffen mit der Realität

Leider ist inzwischen ziemlich deutlich geworden, dass Yunus sich irrte. Die letzten 30 Jahre haben klar gezeigt, dass die Mikrofinanz ein Teil des Problems ist und nicht die Lösung, und dass sie die nachhaltige Armutsbekämpfung in den Entwicklungsländern behindert. Es fehlen stichhaltige Beweise dafür, dass sich die Mikrofinanz positiv auf das Wohlergehen der Armen ausgewirkt hätte. Seit 1990 ist der Mikrofinanzsektor eher durch eine zunehmende, spektakuläre und der Wall Street ähnliche Raff- und Profitgier, durch Kundenmissbrauch und Marktchaos gekennzeichnet. Es stellt sich heraus, dass die Mikrofinanz größtenteils nur durch Hype, geschickte Öffentlichkeitsarbeit, die Unterstützung von Prominenten und einem konstanten Strom von quasi-religiösen Verkündungen von Yunus und seinen Gefolgsleuten vorangetrieben wurde.

Die Probleme mit der Mikrofinanz sind tiefgreifend und vielschichtig. Erstens wurde von Anfang an klar davon ausgegangen, dass unabhängig davon, wie viele informelle Kleinstunternehmen dank Mikrofinanzierung ins Leben gerufen würden, immer automatisch eine ausreichend große lokale Nachfrage entstehen würde, um diese zusätzlichen lokalen Angebote an einfachen Gütern und Dienstleistungen auch aufzunehmen. Yunus äußerte sich dementsprechend klar und deutlich. Dieses Verständnis ist jedoch grundlegend falsch: Es gibt eine lokale Beschränkung der Nachfrage. Schon in den 1970er Jahren waren die lokalen Gemeinschaften in den meisten Entwicklungsländern wie ein Bienenstock voll informeller Aktivitäten mit den einfachsten Gütern und Dienstleistungen, die von den armen Einwohnern einer Gemeinschaft zur Verfügung gestellt wurden. Eine künstlich herbeigeführte Steigerung des Angebotes kann daher immer nur einen sehr geringen Nutzen in Form zusätzlicher Arbeitsplätze und Einkommen erbringen. Stattdessen führt das Hineinzwängen von immer mehr informellen Kleinstunternehmen in denselben lokalen Wirtschaftsraum typischerweise zu einer Verdrängung, bei der die neuen Kleinstunternehmen nur dann überleben können, wenn sie die lokale Nachfrage nutzen, die bisher die bereits etablierten Kleinstunternehmen begünstigte. Dank vieler neuer Kleinstunternehmen sind die meisten der unglückseligen (und gleichermaßen armen) Einzelpersonen, die bereits im Kleinstunternehmenssektor um ihr Überleben kämpfen, mit geringeren Umsätzen konfrontiert, was zu niedrigeren Margen, Löhnen und Gewinnen führt. Das zusätzliche Angebot drückt tendenziell auch die Preise der betreffenden lokalen Waren und Dienstleistungen und wirkt sich somit negativ auf alle (die neuen wie auch die etablierten) Kleinstunternehmen aus.

Kurz gefasst führt die Mikrofinanzierung allzu oft dazu, dass nichts anderes als ein unproduktiver Prozess der lokalen Verlagerung von Arbeitsplätzen gefördert wird, ohne dass ein Mehr an Nettobeschäftigung, Einkommen oder Produktivitätssteigerungen zu verzeichnen ist.

Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet bedeutet dies, dass die bestehende Gemeinschaft der armen Kleinstunternehmer dazu gezwungen ist, den Preis in Form von niedrigeren Einkommen für die wenigen neuen Arbeitsplätze zu zahlen, die dank der Mikrofinanzierung in der lokalen Gemeinschaft geschaffen werden. Das ist weder fair noch gerecht.

Verschlimmert wird das Problem der Verdrängung noch durch das damit verbundene Problem des Scheiterns von Kleinstunternehmen. Noch mehr als kleine und mittlere Unternehmen sind Kleinstunternehmen von Natur aus gefährdet, und so kann eine sehr hohe Ausfallrate solcher Geschäftseinheiten beobachtet werden. Das bedeutet, dass die Mikrofinanz langfristig gesehen weitaus weniger nachhaltige Arbeitsplätze schafft, als gemeinhin angenommen wird. Misserfolg bedeutet zudem auch, dass die Armen oft den gefährlichen Verlust wichtiger Vermögenswerte erleiden müssen. Die Haushalte ziehen zunächst Familienersparnisse heran und leiten staatliche Unterstützungsleistungen und die Überweisungen von emigrierten Familienmitgliedern weiter, um ihren Mikrokredit zurückzahlen zu können. Reicht dies nicht mehr aus, besteht die Not, wichtige Güter wie Arbeitsgeräte, Maschinen, Kraftfahrzeuge, Wohnungen und Grundstücke (oft zu Schleuderpreisen) zu verkaufen. Mit dem Verlust dieser Güter stürzen sich arme Haushalte allzu oft in immer tiefere und oft unüberwindliche Armut. Während sich die Narrative derjenigen, die die Mikrofinanzbewegung unterstützen (insbesondere das neoliberal inspirierte Programm »Doing Business« der Weltbank) auf die Maximierung der »Freiheit« und der »Möglichkeiten« konzentrieren, übersehen sie bewusst die negativen Folgen, die mit dem Scheitern verbunden sind und die für die Mehrheit der armen Unternehmer die Haupterfahrung darstellen.

Darüber hinaus wird der überwiegende Teil der Mikrofinanzierung gar nicht dazu verwendet, die Entwicklung von Kleinstunternehmen voranzutreiben, sondern dient vielmehr dazu, einfache Konsumausgaben zu finanzieren. Angesichts der einfachen Verfügbarkeit bei typischerweise sehr hohen Zinssätzen - so berechnet die mexikanische Mikrofinanz-Bank Compartamos ihren armen Kunden einen jährlichen Zinssatz von 195 Prozent - stellen wir zunehmend fest, dass die Armen allzu oft einen großen Teil ihres Einkommens für Zinszahlungen ausgeben müssen. Diese Methode trägt auch dazu bei, die dramatische Entwicklung von Schneeballsystemen in einer wachsenden Zahl von Entwicklungsländern zu erklären, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Armen nach und nach in immer neue Mikrokredite verstrickt werden, nur um die bestehenden Mikrokredite zurückzahlen zu können. Das dramatischste Beispiel für diesen zerstörerischen Trend war der indische Staat Andhra Pradesh, wo 2010 fast der gesamte Mikrofinanzsektor zusammenbrach.

Der größte Nachteil des Mikrofinanzmodells ist jedoch recht simpel: Das erwünschte Ziel – zahlreiche informelle Kleinstunternehmen - ist die völlig falsche Grundlage, auf der ein Land versuchen sollte, der Armut und Entbehrung zu entkommen. Ein Land braucht dafür einen florierenden Unternehmenssektor, der sich auf eine kritische Masse von Unternehmen stützt, die über die Fähigkeit verfügen, ein Minimum an Effizienz zu erreichen, dabei moderne Technologien einzusetzen, Kapazitäten für Innovationen zu entwickeln, produktiv mit anderen Unternehmen sowohl vertikal (Subunternehmer) als auch horizontal (Clustering) zusammenzuarbeiten und die dabei über ein gewisses Potenzial zur Erschließung nicht lokaler Märkte verfügen. Nur unter diesen Voraussetzungen ist ein langfristiges Produktivitätswachstum und damit eine nachhaltige Armutsbekämpfung möglich. Wie Chang zeigt, ist dies der Erfahrungswert und Entwicklungspfad der heutigen, wohlhabenden und entwickelten Volkswirtschaften, aber auch der jüngeren ostasiatischen »Wunderwirtschaften«. Dank der zunehmenden Verbreitung der Mikrofinanzen bewegen sich die heutigen Entwicklungsländer jedoch genau in die entgegengesetzte Richtung.

Die Erfahrungen aus Afrika und Lateinamerika verdeutlichen das immense Ausmaß des Problems. In Afrika gibt es bereits mehr Mikrounternehmer pro Kopf als irgendwo anders, und das rasch wachsende Angebot an Mikrofinanzierungen erhöht diese Zahl stetig. Doch trotz alledem bleibt Afrika in seiner Armut gefangen, gerade weil es nur über eine so flache Unternehmensstruktur verfügt, die strukturell nicht in der Lage ist, ein nachhaltiges Produktivitätswachstum zu bewirken. Die Interamerikanische Entwicklungsbank (IDB) weist ebenfalls auf diese negative Dynamik hin, um zu erklären, warum die jüngste Geschichte Lateinamerikas von sehr hoher Armut und Arbeitslosigkeit geprägt ist. Lateinamerika hat viel zu lange viel zu viel seiner knappen finanziellen Ressourcen in informelle Kleinstunternehmen und Selbständige mit geringer Produktivität gelenkt – und zu wenig in produktivere mittlgroße Unternehmen. Die IDB hat mit dieser Erkenntnis den Glauben zerstört, dass Lateinamerika von der geplanten Ausweitung der Mikrofinanzierung profitiert habe.

Politik will die Botschaft nicht wahrhaben

Im Bereich der Mikrofinanz werden nach wie vor schlechte und falsche politische Entscheidungen getroffen. Wie schon ein flüchtiger Blick auf CNN oder Al Jazeera zeigt, forderten die tapferen jungen Menschen hinter den Aufständen des Arabischen Frühlings nicht nur den Sturz der Diktatoren, sondern auch echte Arbeitsplätze, also Arbeitsplätze, die sinnstiftend und würdevoll sind, die Sicherheit geben und die ihrer hohen fachlichen Kompetenz (oft teuer im Ausland erworben) gerecht werden. Wie ein Demonstrant sagte, fordern die jungen Menschen in Nordafrika ein menschenwürdiges Arbeitsleben und nicht nur die Möglichkeit, »Falafel an der Straßenecke« zu verkaufen. Die Weltbank, USAID, die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung und andere Agenturen planen derzeit jedoch, diese jungen Menschen vor allem mit Mikrofinanzprogrammen zu unterstützen, deren Ziel im Wesentlichen darin besteht, genau die Art von Arbeitsplätzen zu schaffen, die so heftig abgelehnt werden.

Ein ähnlich falsches Denken findet sich auch in der Europäischen Kommission. Mit einem Mikrofinanzfonds will die Kommission zahlreiche neue Kleinstunternehmen in einer Reihe der am stärksten von der Rezession betroffenen Regionen fördern und so neue Arbeitsplätze schaffen. Da in fast allen EU-Ländern der bestehende Sektor der Kleinstunternehmen aufgrund des Rückgangs der lokalen Nachfrage durch die Krise dramatisch schrumpft, wird es für die große Mehrheit der neuen Kleinstunternehmer fast unmöglich sein, neue Quellen der lokalen Nachfrage zu identifizieren, mit denen sie funktionieren und wachsen können. In Griechenland zum Beispiel hat der dramatische Rückgang der lokalen Nachfrage dazu geführt, dass mehr als die Hälfte der bestehenden Kleinstunternehmen - Cafés, kleine Einzelhändler, Souvenir-Verkäufer, Bars, Schnellimbisse usw. - heute nicht mehr in der Lage sind, ihre Löhne zu bezahlen, sie müssen Mitarbeiter entlassen oder schließen. Die gleiche Abwärtsspirale gilt für die meisten EU-Länder. Es ist eine grausame Illusion zu erwarten, dass neue Kleinstunternehmen in der Lage sein werden, sich in diesen Gemeinschaften zu etablieren.

Die Mikrofinanz galt lange Zeit als eine wirksame, vom Markt gesteuerte Maßnahme, die die Armut massiv reduzieren und eine nachhaltige Aufwärtsentwicklung fördern sollte. Selbst langjährige Unterstützer erkennen inzwischen, dass diese Behauptung falsch war. Daher müssen wir dringend und immer wieder die Nachteile der Mikrofinanz aufzeigen und endlich damit beginnen, unsere knappen Ressourcen in wesentlich effizientere Verwendungen umzuleiten, dazu gehören insbesondere Kreditgenossenschaften, Finanzkooperativen, kommunale Entwicklungsbanken und dergleichen.

Dieser Text erschien zuerst in der Global Labour Column unter: http://column.global-labour-university.org/2012/01/microfinance-delusion.html. Die Übersetzung fertigte Martin Ahrens an.

Milford Bateman ist Gastdozent für Wirtschaft an der Juraj Dobrila Universität in Pula, Kroatien, und außerordentlicher Professor an der Saint Mary’s University in Halifax, Kanada.

URL: https://www.blickpunkt-wiso.de/post/die-wahnsinnsidee-von-der-mikrofinanz--2199.html   |   Gedruckt am: 24.09.2018