Leben im Neoliberalismus: Warum es eines realistischen Blickes bedarf

28. März 2018 | Patrick Schreiner

Neoliberale Gedanken, neoliberale Moral und neoliberales Handeln prägen unser Leben - oft ohne dass wir sie als solche wahrnehmen. Sie gelten als selbstverständlich, nicht selten sogar als etwas Positives. Wer den Neoliberalismus (auch) in unserem Alltag überwinden möchte, muss ihn auch in dieser Hinsicht ernst nehmen.

Vor mittlerweile drei Jahren ist »Unterwerfung als Freiheit« in der ersten Auflage erschienen. Vor einem Jahr folgte ein Ergänzungsband mit dem Titel »Warum Menschen sowas mitmachen«. Beide Bücher widmen sich dem gleichen Thema: Sie zeigen auf, wie der Neoliberalismus den Alltag und das Leben der Menschen prägt.

Dafür beschreiben und untersuchen sie zahlreiche (oft scheinbar banale) Beispiele aus Privatleben, Alltag und Populärkultur, an denen deutlich wird: Neoliberale Gedanken, neoliberale Moral und neoliberales Handeln sind in Bereichen präsent, in denen sie gar nicht als solche wahrgenommen werden. Sie gelten als selbstverständlich, als normal, werden oft sogar als etwas Positives verstanden – als etwas, das sich einfach gut und richtig anfühlt. Mit Politik, mit Interessengegensätzen, mit sozialen Konflikten scheint der Neoliberalismus in unserem Alltag nichts zu tun zu haben. Was sollte etwa an Castingshows, an esoterischen Hilfsmittelchen, an Ratgeberbüchern, an Kochsendungen oder an sportlicher Betätigung politisch sein?

In den zurückliegenden drei Jahren bin ich zu zahlreichen Veranstaltungen in ganz Deutschland eingeladen worden. Dieses Nachwort ist auch Ergebnis der vielen Diskussionen, die ich dort führen konnte.

Ich will zunächst auf einen Gedanken verweisen, der schon im Schlusskapitel aus »Warum Menschen sowas mitmachen« angedeutet war: Jeder Versuch, den Neoliberalismus zu verstehen, muss scheitern, wenn er diesen nicht mit seinen politischen, sozialen und historischen Besonderheiten in den Blick und ernst nimmt. Zugleich muss ein solcher Versuch scheitern, wenn er nicht auch ein Versuch ist, den Kapitalismus zu verstehen. Denn ganz gleich, ob der Neoliberalismus nun eine Ideologie, eine Denkschule, eine politische Strömung, eine Bewegung, eine Epoche oder ein Kampfbegriff sein mag (vermutlich ist er all dies): Privateigentum an Produktionsmitteln, Kapitalverwertung, Märkte und der Interessengegensatz zwischen Arbeit und Kapital bilden sein Fundament. Dies ist – nebenbei bemerkt – auch der Grund dafür, dass viele der Beispiele aus beiden Büchern Wurzeln haben, die älter sind als der Neoliberalismus selbst. Die Anfänge der Esoterik und des Sports etwa werden zumeist im 19. Jahrhundert verortet, die der modernen Ratgeberliteratur im frühen 20. Jahrhundert. In Verbreitung und Form haben sie sich mit dem Aufkommen des Neoliberalismus seit den 1970er Jahren gleichwohl drastisch verändert.

Neoliberalismus-Analyse in diesem Sinne ist folglich als Kapitalismus-Analyse zu verstehen und zu betreiben, ohne sie darauf zu reduzieren. Das hat Konsequenzen. Die vielleicht wichtigste: Man muss den unbewussten und dezentralen Charakter des Kapitalismus ernst nehmen. Hinter Kapitalverwertung und Märkten steht keine zentrale, lenkende Instanz; sie vollziehen sich vielmehr – wenn man so möchte – hinter dem Rücken der Menschen (wiewohl sie gesellschaftlich, mithin von Menschen herbeigeführt sind). Dies gilt nicht nur für ökonomische Prozesse im engeren Sinne, sondern auch für Ideologie, Kultur und Politik. Die relativ weitreichende Autonomie von Menschen und Institutionen im neoliberalen Kapitalismus ist keine Einbildung und keine Erfindung. Die »Unterwerfung als Freiheit« setzt sehr wohl Freiheitsgrade und Freiheitsempfinden voraus. Genau hier kommt der Neoliberalismus im Alltag ins Spiel.

Die Abwesenheit einer zentral lenkenden Instanz anzunehmen, bedeutet selbstredend nicht, Interessengegensätze zu verleugnen – wie etwa jene zwischen Arbeit und Kapital oder zwischen Armen und Reichen. Auch bedeutet es nicht, davor die Augen zu verschließen, dass Kapitalbesitz und Reichtum eng mit politischer Macht verbunden sind. Demokratie im Neoliberalismus läuft mindestens Gefahr, die Interessen weniger über die Interessen vieler zu stellen und sich auf einen reinen Formalismus zu reduzieren. Als »Postdemokratie« oder »Postpolitik« ist dies wiederholt und zu Recht kritisiert worden. Auch wurden neoliberale Vorstellungen, die wenigen nützen und der Herrschaft über viele dienen, von interessierter Seite jahrzehntelang bewusst gefördert und finanziert. Nicht zuletzt hat man mit ihrer Hilfe vermeintlich objektive Sachzwänge geschaffen und angeblich alternativlose Ungleichheiten begründet. Zentrale Lenkung bedeutet all dies gleichwohl nicht: Moderne kapitalistische Gesellschaften sind viel zu komplex und konkurrenzorientiert, als dass sie sich von einer Stelle aus durch eine Instanz mit einheitlichen Mitteln beherrschen ließen.

Auch ist der Neoliberalismus zu komplex, als dass man ihn pauschal als autoritär und unterdrückend ansehen könnte. Gewiss: Das ist er auch – in bestimmten Situationen und gegenüber bestimmten Menschen ganz besonders. Wer 2017 in Hamburg protestiert hat, wer nach 2010 in Griechenland oder Spanien gewerkschaftlich tätig war oder wer in den 1990ern Opfer der Sozialreformen Bill Clintons wurde, der weiß, was autoritärer Neoliberalismus ist. Aber Neoliberalismus ist eben nicht ausschließlich autoritär, und vor allem ist er es nicht in erster Linie. Wer stundenlang vor dem Bus von »Deutschland sucht den Superstar« Schlange steht, um – seinem »Traum« folgend – vorzusingen, der tut dies nicht aus Angst vor Strafe oder Sanktion. Wer ins Fitnessstudio geht, um aus Waschbär Waschbrett zu machen, der hechelt keinen autoritär durchgesetzten Vorschriften nach. Die Wirkmächtigkeit dieser »alltäglichen« Erscheinungsformen des Neoliberalismus – mitsamt ihrer verdeckt politischen Note – gründet gerade darin, dass sie nicht autoritär sind. Hier kommt der vermeintliche Segen negativer Freiheit zum Tragen; diese macht das Leben im Neoliberalismus für viele Menschen in vielerlei Hinsicht tatsächlich unglaublich attraktiv. Neoliberalismus beruht nicht nur auf Zwang, sondern auch auf Konsens und Zustimmung.

Vor diesem Hintergrund hilft es auch nicht weiter, populärkulturell-neoliberale Marktangebote als Ideologieschleudern mit primär politischer Zielsetzung verstehen zu wollen. Das sind sie mitnichten. Castingshows, Seifenopern, Liebesschnulzen, Ratgeberbücher, bestimmte Rapmusik und das Starwesen beispielsweise vermitteln versteckt neoliberales Denken und Handeln nicht deshalb, weil sie Instrumente zur Aufrechterhaltung einer politischen oder gesellschaftlichen Ordnung wären. Sie vermitteln diese Inhalte vielmehr, weil sie äußerst einträgliche Geschäftsmodelle sind oder sein sollen. Im Kapitalismus geht es um die Verwertung von Kapital, es geht um Profit – der neoliberale Kapitalismus ist da keine Ausnahme. Und mit den Genannten lässt sich sehr viel Geld verdienen. Die neoliberalen Inhalte sind nicht Ziel und Zweck solcher Angebote, sondern Voraussetzung für Profite: Ihre Attraktivität gründet gerade darin, dass sie an alltägliche (eben neoliberale) Selbstverständlichkeiten, Erfahrungen, Ideen und Moralvorstellungen anknüpfen. Dass der Neoliberalismus auf diese Weise zugleich Rechtfertigung und Stärkung erfährt, ist aus Sicht der Verantwortlichen ein bisweilen erwünschter, meist aber unbewusster Nebeneffekt.

Die Vorstellung, Neoliberalismus sei ein in erster Linie autoritäres System, ist aber noch aus einem weiteren Grund problematisch: Sie ist mit einem fragwürdigen Menschenbild verbunden. Sie legt nämlich nahe, dass unser Denken und Handeln heutzutage einförmig und duckmäuserisch sei. Zugegebenermaßen scheint dies auch der Begriff »Unterwerfung« vermuten zu lassen – jedenfalls wenn man übersieht, dass der Buchtitel eben von Unterwerfung »als Freiheit« spricht. Diese Freiheit aber ist entscheidend: Sie ist keineswegs nur Illusion. Im Neoliberalismus gibt es durchaus umfangreiche Möglichkeiten und Freiheitsgrade. Diese sind allerdings entpolitisiert und umfassend auf Markt und Konkurrenz ausgerichtet. Der Neoliberalismus verlangt uns Kreativität, Aktivität, Innovation, Abweichung, Besonderheit ab. Wir sollen besser, schlauer, hübscher, präsenter, fitter, gesünder, selbstbewusster usw. sein als andere, um uns an Märkten und in Konkurrenz durchzusetzen. Viele Menschen wollen auch genau das; sie empfinden ein solches Verhalten als etwas Positives. Oft genug begeistern sie sich geradezu dafür. Und selbst wenn sie dies nicht tun, glauben sie in vielerlei Hinsicht an die eigenen bzw. die individuellen Chancen und Möglichkeiten. Nicht zuletzt die gesellschaftliche Zuschreibung von individueller Verantwortung für Misserfolg und Elend setzt diesen Glauben ein Stück weit voraus.

Die Stabilität des Neoliberalismus beruht in erster Linie auf solchen Sichtweisen und Überzeugungen. Die Vorstellung, die Menschen unterwürfen sich einer zentralen autoritären Übermacht, beschreibt vor diesem Hintergrund schlicht nicht die Realität.

Jeder Versuch und jede linke Strategie, die Hegemonie des Neoliberalismus zu brechen, muss das Beschriebene mindestens zur Kenntnis nehmen: Viele Menschen finden vieles ziemlich gut. Oder aber sie akzeptieren es zumindest als normal und selbstverständlich. Man muss (und darf) dies aus linker Sicht selbstredend weder einfach hinnehmen noch als unveränderlich ansehen. Man sollte aber auch nicht die Augen davor verschließen. Die Hegemonie des Neoliberalismus bricht man nicht, indem man – so ein bisweilen zu hörender Vorschlag – den Blödsinn schlicht nicht ansieht, der täglich über den Bildschirm flimmert (denn viele andere Menschen tun dies ja sehr wohl). Und man bricht seine Hegemonie nicht, indem man in höchst komplexen Diskussionen um die materialistischen und dialektischen und sonstigen Wurzeln ideologischer Überbauphänomene versumpft.

Wie auch immer demgegenüber eine (bessere) linke Strategie aussehen mag: Es besteht durchaus Anlass zum Optimismus. Denn genauso, wie sich wohl kein Mensch dem Neoliberalismus gänzlich entziehen kann, unterwirft sich ihm kein Mensch vollständig. Wir sind keine Maschinen. Die zunehmende soziale Unsicherheit, Ellbogenmentalität, Vereinzelung, Prekarisierung und Ungleichheit in unseren Gesellschaften führen eben auch zu Unzufriedenheit und zum Wunsch nach Veränderung. Jüngere aufsehenerregende Wahlerfolge linker Parteien und PolitikerInnen, Bewegungen von MieterInnen und Beschäftigten oder wiederholte Proteste gegen Globalisierung und Sozialabbau belegen dies eindrucksvoll. Nicht minder eindrucksvoll allerdings belegen rechte Wahlerfolge und brennende Flüchtlingsunterkünfte, dass das Pendel politisch auch in die falsche Richtung ausschlagen kann. Zivilisation hat ein allzu weiches Fundament.

Und dennoch: An Unzufriedenheit und Veränderungswünschen lässt sich ansetzen – auch dort, wo sie aktuell nicht unmittelbar in politisches Handeln münden. Über die sozialen Verhältnisse und über das »Leben im Neoliberalismus« aufzuklären und dem Wunsch nach Veränderung Nahrung zu geben, ist dabei ein erster Schritt. Es gilt, das Politische im Unpolitischen herauszukitzeln.

Doch was dann? Ich werde an dieser Stelle keine detaillierten Vorschläge für linke Auswege aus dem Neoliberalismus unterbreiten. Ich habe sie schlicht nicht. Eines allerdings halte ich für offensichtlich: Fortschrittliche Veränderung erfordert, an der unmittelbaren Lebenswelt der Menschen anzusetzen.

Erstens sind vermeintlich »weiche« Aspekte des Lebens im Neoliberalismus ernst zu nehmen. Gemeint sind damit etwa Alltagsvorstellungen, Gefühle, Hoffnungen und das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und Teilhabe. Menschen lassen sich weder durch die Arroganz eines linken Elfenbeinturms noch durch verbalradikale Revolutionsträumereien gewinnen.

Zweitens kann und darf eine linke Strategie zur Veränderung nicht hinter die Freiheitsgrade zurückfallen, die der Neoliberalismus eben auch geschaffen hat. Ein Zurück in die 1950er Jahre kann und wird es nicht geben. Eine linke Antwort auf neoliberale Vereinzelung (wie auch auf autoritäre Rechtstendenzen) kann nicht darin bestehen, die Menschen wieder in ein enges Korsett aus sozialer Kontrolle, vorgegebenen sozialen Rollen und strikten Hierarchien stecken zu wollen. Aufgabe linker Politik im 21. Jahrhundert muss es vielmehr sein, einen Weg zu finden, der gleiche soziale Rechte, Teilhabe und ein solidarisch-kooperatives Miteinander verbindet mit individueller Autonomie und vielfältigen Möglichkeiten zur Gestaltung des eigenen Lebens. Und natürlich muss es Aufgabe sein, Menschen von diesem Weg zu überzeugen – wofür die Chancen so schlecht nicht stehen.

Dieser Text ist das eigens angefertigte Nachwort zur fünften Auflage von »Unterwerfung als Freiheit. Leben im Neoliberalismus« .

Patrick Schreiner ist Gewerkschafter und Publizist aus Bielefeld/Berlin. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Wirtschaftspolitik, Verteilung, Neoliberalismus und Politische Theorie.

URL: https://www.blickpunkt-wiso.de/post/leben-im-neoliberalismus-warum-es-eines-realistischen-blickes-bedarf--2159.html   |   Gedruckt am: 16.07.2018