Rezension

Rezension: Kapitalismus verstehen

14. Dezember 2016 | Georg Feigl

Ralf Krämer, Gewerkschaftssekretär bei ver.di und organischer Intellektueller im besten gramscianischen Sinne, legt sich mit dem Titel „Kapitalismus verstehen“ die Latte selbst sehr hoch. Er möchte damit „Grundlagenwissen und Argumente für politisch und gewerkschaftlich Aktive“ liefern, die auf der Höhe der Zeit sind. Das gelingt ihm erstaunlich gut.

Mit dem Mut zur Lücke spannt er den Bogen von der grundlegenden marxistischen Kritik der politischen Ökonomie bis hin zu tagesaktuellen Themen wie Freihandelsabkommen, Gestaltung der verstärkten Digitalisierung der Wirtschaft oder die holprige ökonomische Entwicklung in Europa nach der Krise. Die Funktion von Wissenschaft sieht Krämer darin, dass „nur eine solche Wissenschaft, die sich mit den Interessen und Kämpfen der arbeitenden Mehrheit der Menschen verbindet, einen Beitrag zu einer sozialen Umgestaltung der Gesellschaft und zur Überwindung des Kapitalismus leisten [kann]“ (S. 10).

Das Buch versteht sich als Einführung und hat damit nicht die ökonomisch gebildeten LeserInnen zur Zielgruppe. Das heißt jedoch nicht, dass es nicht auch für diese Zielgruppe einen Mehrwert liefert. Dieser liegt zum einen in den übersichtlichen Abbildungen, die – z. B. für die eigene Lehrtätigkeit – Zusammenfassungen und Grafiken umfassen, die auf der Homepage der Rosa-Luxemburg-Stiftung online abrufbar sind. Zu bemängeln ist an dieser Stelle, dass es kein Abbildungsverzeichnis gibt. Zum anderen helfen insbesondere die letzten beiden Kapitel für die eigene Reflexion neuerer Phänomene vor dem Hintergrund marxistischer Grundlagen. Auch hierbei kommt schnell der Wunsch nach einer Ergänzung auf, nämlich nach mehr Verweisen auf weiterführende Texte und Quellen – und das nicht nur in Fußnoten, sondern übersichtlich zusammengestellt am Ende des Buches. Dass dieser Wunsch im Vorwort seitens des Autors bewusst ausgeschlagen wurde, ist in diesem Zusammenhang wenig verständlich, da der Lesbarkeit dadurch kein Abbruch geleistet würde.

Krämer hebt sich mit seiner Einführung wohltuend von anderen Werken ab, die sich auf marxistische Grundlagen stützen und sich zumeist in wenig zielführender Marx-Exegese erschöpfen, während es ihnen nur unzureichend gelingt, aktuelle ökonomische Prozesse zu deuten. Es geht eben nicht darum, die Welt „richtig“ zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Wer sich dieser Maxime verschreibt und sich mit den Grundlagen der Politischen Ökonomie bislang kaum auseinandergesetzt hat, ist mit dem vorliegenden Buch gut bedient.

Erleichtert wird das Lesen durch den roten Faden, der sich durch das übersichtlich gegliederte Buch zieht und sich von der Sinnfrage (Wozu das Buch? Wozu Politische Ökonomie?) über die theoretischen Grundlagen und die moderne – in erster Linie deutsche – Wirtschaft bis hin zu den Widersprüchen und Perspektiven zieht.

Aufgrund eigener Erfahrung in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit bleibt für den Rezensenten fraglich, ob das Buch für eben diese Bildungsarbeit geeignet sei. Als Hintergrundlektüre ist sie all jenen empfohlen, die selbst Wissen über die Wirtschaft vermitteln, auch wenn es für den direkten Einsatz im Unterricht weniger geeignet erscheint. Dafür müsste es mehr am Alltagsverstand ansetzen, insbesondere in Bezug auf die theoretischen Grundlagen, die eher höherschwelliger ansetzen und vermutlich nur bei gesteigertem individuellem Interesse auf Aufnahmefähigkeit stoßen. Nachdem Krämer über einen Grundlagenkurs zur Projektidee gekommen ist, könnte die direkte Einsatzmöglichkeit für die Lehrtätigkeit aber von unterschiedlichen pädagogischen Konzepten abhängen. In jedem Fall hilfreich ist im Buch – neben Abbildungen und der Gliederung – das Festhalten von Kernaussagen in ein bis drei Sätzen in Form grauer Kästchen, die auf fast jeder Seite vorkommen.

Gegliedert ist das Buch in sechs Teile. Zu Beginn wird der grundsätzliche Zugang des Autors zur Thematik erklärt, die er selbst wie folgt zusammenfasst (S. 11): „Ohne eine Kritik der bestehenden kapitalistischen Ökonomie ist keine fundierte linke, gewerkschaftliche oder sozialistische Politik möglich.“ Umgekehrt hält er die Ökonomie aber auch ohne Politik bzw. die Berücksichtigung von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und Klassenkonflikt für undenkbar: „Die Wirtschaft kann nicht begriffen werden, wenn man abstrakt Marktprozesse betrachtet. … Es gibt keine unpolitische Ökonomie.“ (S. 9)

Ökonomie definiert er dabei einerseits als Sozialwissenschaft, die das Verhalten unter gesellschaftlichen Bedingungen beleuchtet, andererseits als das Wirtschaften an sich, konkreter die Produktion sowie nachgelagert deren Verteilung und Verwendung. Einem marxistischen Ökonomieverständnis folgend sieht Krämer den Austausch auf dem Markt, den er richtigerweise als konstituierendes Element der neoklassischen Ökonomie ausmacht, als gegenüber der auf Arbeit basierenden Produktion nachgelagert. Somit folgert er, dass die „grundlegende Aufgabe jeder Ökonomie“ die Beantwortung der folgenden Frage ist (S. 13): „Wer arbeitet wann, wo, was und wie?“ Diese Frage ist sodann der Ausgangspunkt für die weitere Abhandlung, auch wenn zunächst ausführlich Begriffsklärungen und Grundlagen aus der marxistischen Theorie folgen. Von der Arbeit leitet Krämer über zu den Produktionsverhältnissen über gesellschaftliches Sein zum Bewusstsein und damit zu politischen Gestaltungsmöglichkeiten.

Im Abschnitt zwei wird nochmals genauer auf Ware, Arbeit (empirisch um Daten für Deutschland angereichert) und den Fetischcharakter von Geld eingegangen – und das auf nicht einmal 13 Seiten. Auch wenn diese Knappheit notgedrungen mit Verkürzungen einhergeht, so ist diese für den Zweck einer Einführung ein gut gewählter Kompromiss zwischen theoretischem Anspruch und Beschränkung auf ein zumutbares Maß an Abstraktion für die Zielgruppe der interessierten, aber noch nicht spezifisch geschulten LeserInnen. Das gilt etwa für das Verhältnis der verschiedenen Arten von Arbeit sowie ihre gesellschaftliche Relevanz. Die zugespitzte Aussage, zentral für die gesellschaftliche Entwicklung im Kapitalismus wäre ganz überwiegend die Lohnarbeit, hätte angesichts der bücherfüllenden Debatten über Arbeit, Arbeitsbegriff und gesellschaftliche Arbeitsteilung der letzten Jahrzehnte eine breitere Darstellung verdient (die zum Teil mit der Darstellung zur Reproduktion der Arbeit im darauffolgenden Kapitel im Buch selbst abgedeckt wird). Dass die Facetten der Arbeit überhaupt erwähnt werden und sie so zentral gesetzt wird, ist jedoch ein Fortschritt gegenüber den meisten ökonomischen Einführungswerken, in denen Arbeit nur als homogene Ware für einen abstrakten Markt vorkommt.

Dieses Beispiel lässt sich für das Buch insgesamt verallgemeinern. Während andere Ökonomieeinführungen viele Themen ausblenden, um die verbleibenden stärker auszuführen, hat sich Ralf Krämer mehr für Breite denn Vertiefung entschieden. Das scheint für die Zielgruppe der „politisch und/oder gewerkschaftlich“ Aktiven – und vermutlich auch LehrerInnen an Oberstufenschulen, für die das Buch ebenso zu empfehlen ist – auch der angemessenere Ansatz zu sein. Umso mehr wäre es deshalb jedoch wertvoll gewesen, auf ausführlichere Darstellungen zu verweisen, die Interessierten eine über die Behandlung im Buch hinausgehende, vertiefte Einführung erleichtern würden.

Kapitel drei dreht sich um die kapitalistische Produktionsweise mit Fokus auf die Arbeitskraft bzw. die Lohnabhängigen. Auch Löhne, Produktivität, Reproduktion der Arbeitskraft, Ausbeutung und Klassenverhältnisse finden Berücksichtigung. Der folgende Abschnitt behandelt dann die durch Kapitalakkumulation getriebene Gesamtwirtschaft, ihre Widersprüche und Krisenanfälligkeit unter besonderer Berücksichtigung der Erwerbslosigkeit. Zudem erfolgt hier die Überleitung vom theoretischen Fundament mit empirischen Daten zur konkreten deutschen Volkswirtschaft und in der Folge zu den Unternehmensbilanzen, sodass die abstrakten Ausführungen auch konkreter greifbar werden.

Kapitel fünf dreht sich anschließend um den modernen Kapitalismus. Es umfasst einerseits die eng mit der Produktionsweise verknüpften Bereiche der Finanzwirtschaft, Staat und Internationalisierung, andererseits spezifischere aktuelle Fragestellungen wie Freihandels- und Investitionsschutzabkommen, Neoliberalismus und Industrie 4.0. Krämer versucht die Konzentrations-, Globalisierungs- und Finanzialisierungstendenzen, die dem Kapitalismus innewohnen, auf die aktuelle Situation zu übertragen, die er mit einigen innovativeren aktuellen Grafiken untermauert. Wie oft bei marxistisch orientierten DenkerInnen neigt er dazu, aktuelle Entwicklungen als qualitativ mäßig Neues zu fassen. Auch wenn er im Kern wohl Recht hat, wirken zugespitzte Zusammenfassungen wie „Globalisierung … als ein neoliberales Klassenprojekt im Interesse des international operierenden Groß- und Finanzkapitals“ als wenig differenzierte Neuformulierung der Imperialismusthesen vor 100 Jahren. In der zunehmenden Digitalisierung bzw. Automatisierung der Produktion sieht er ebenso wenig Neues. Angesichts der übertriebenen öffentlichen Debatten, wonach uns die Arbeit ausginge, weil die Produktion revolutioniert würde, ist es jedoch durchaus wohltuend, mittels empirisch untermauerter Relativierungen einen klareren Kopf zu behalten. So zeigt Krämer etwa, dass die gefährlich klingende Zahl von einem Verlust von einem Drittel der Arbeitsplätze in 20 Jahren einem durchschnittlichen jährlichen Produktivitätswachstum von 2,1% entspricht, also weit unter der Rate in der „goldenen Ära“ der 1950erund 1960er-Jahre liegen würde. Wie damals wäre es also mittels höherer Masseneinkommen und Arbeitszeitverkürzungen möglich, trotz Digitalisierung die Arbeitslosigkeit zu senken. Krämer folgert daraus, dass die Lohnarbeit auch weiterhin dominierend bleiben wird und die Auswirkungen der Digitalisierung „wie immer eine Frage der ökonomischen und politischen Kräfteverhältnisse“ sein werden.

Der letzte Teil des Buches widmet sich aktuellen Krisentendenzen und Perspektiven. Dieses Kapitel ist sicherlich das Interessanteste und sei unabhängig vom Grad der ökonomischen Vorbildung all jenen empfohlen, die im Sinne von Krämer einen Beitrag zu einer sozialen Umgestaltung der Gesellschaft leisten wollen. Bezüglich der ökologischen, der wirtschaftlichen und der europäischen Krise liefert er nicht nur jeweils eine gute und knappe Abhandlung von den jeweiligen Krisenursachen, sondern auch Lösungsvorschläge inklusive Ansätze für die politische Umsetzung. Hinsichtlich der ökologischen Krise lautet der Vorschlag beispielsweise, dass ökologische Politik und Beschäftigungsförderung nicht länger gegeneinandergestellt werden dürfen, sondern notwendige sozialökologische Bündnisse zu formieren sind, die auf eine stärkere Rolle des Staates abzielen, der den Umbau organisiert und vorantreibt.

Im Kapitel zur Eurokrise liefert Krämer eine besonders gute Zusammenfassung der ökonomischen Ungleichgewichte und der problematischen Lohnpolitik in Deutschland – ohne allerdings den Fehler insbesondere deutscher linker ÖkonomInnen zu begehen, analog zu neoliberaler Interpretation vor allem exportseitig zu argumentieren, obwohl empirisch vor allem der negative Einfluss der Löhne auf die Importnachfrage dominiert. Die wirtschaftspolitische Steuerung der EU benennt Krämer klar als „Institutionalisierung neoliberaler Politik“ bzw. als „in EU-Recht gegossenen Klassenkampf von oben“ (S. 223). Diese Überspitzung ist dennoch zutreffend, da die Steuerungsarchitektur unter den euphemistischen Losungen „stabile Staatsfinanzen“ und „Strukturreformen“ verstärkt darauf fokussiert, wie der Dauerdruck auf Staatsausgaben und Löhne erhöht werden kann.

Als Perspektive für die weitere Entwicklung sieht Krämer einerseits einen „Neoliberalismus 2.0“, bei dem dem Staat eine aktivere Rolle bei Investitionen und Bildung zukommt, allerdings zunehmend in Form von Private-Public- Partnerships, um InvestorInnen gleichzeitig höhere Gewinne zu ermöglichen (wie es etwa die Stoßrichtung der deutschen Expertenkommission für Investitionen war und wie auch der sogenannte Europäische Fonds für strategische Investitionen ausgerichtet ist). In Kombination mit verstärkter Spaltung innerhalb und zwischen Gesellschaften, die die Basis für die Formierung einer Gegenmacht erodieren lassen, wäre dieser Neoliberalismus 2.0 zwar widersprüchlich, aber politisch nicht zwangsläufig instabil.

Andererseits zeigt Krämer als mittelfristige, pragmatischere alternative Perspektive eine „demokratisch gestaltete, realwirtschaftlich dominierte und auf sozial-ökologischen Umbau gerichtete Wirtschaftsentwicklung“ (S. 233) auf. Im Mittelpunkt sollen die Stärkung der Nachfrage und die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit stehen, ein „Red New Deal“. Konkreter soll die Einkommenspolitik auf steigende Löhne und gerechte Verteilung, die Geldpolitik auf Wachstum und Stabilität, die Finanzpolitik auf qualitatives Wachstum und Ausbau des Sozialstaates und die Strukturpolitik auf die gezielte Förderung bestimmter Produktionen, Regionen und Gruppen ausgerichtet werden.

Abschließend hält Krämer fest, dass der Kapitalismus noch nicht am Ende seiner Möglichkeiten sei, was „als eine Drohung begriffen werden“ (S. 238) muss. Deshalb seien auch Alternativen zum Kapitalismus insgesamt erforderlich, die jedoch weder mittels vollständigem Bruch mit Warenproduktionsund Geldlogik, noch mit einem bedingungslosen Grundeinkommen zu bewerkstelligen wären. Langfristig hält er an der Perspektive eines demokratischen Sozialismus fest, den er als Gesellschaftsform definiert, in der die Kapitallogik überwunden ist, ein demokratischer Rechtsstaat eine neue Qualität sozialstaatlicher Absicherung garantiert und zentrale Sektoren und Großunternehmen demokratisch vergesellschaftet sind. Neben den klassischen sektoralen Beispielen wie kommunale Daseinsvorsorge und Finanzsektor nennt Krämer Infrastrukturen, Plattformen und Betriebssysteme im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie. So könne die Durchsetzung von sozialen und ökologischen Standards ermöglicht und die Manipulation von Kommunikation zu Profitzwecken verhindert werden.

Ralf Krämer hat mit „Kapitalismus verstehen“ ein für wirtschaftspolitisch Interessierte zweifelsohne lesenswertes Buch verfasst. Sein Versuch, mit marxistisch orientierten ökonomischen Grundlagen die real existierende Wirtschaft fassbar zu machen und politische Handlungsperspektiven aufzuzeigen, ist gelungen. Seinen Anspruch (eine kompakte, auf die Probleme der Gegenwart gerichtete Einführung in die politische Ökonomie des Kapitalismus) hat er in einem Maße erfüllt, wie das AutorInnen nur selten für sich in Anspruch nehmen können. Insofern bleibt zu hoffen, dass es auch viele politisch Engagierte geben wird, die es die Mühe wert finden, das Buch auch zu lesen.

Bibliografische Angaben

Ralf Krämer: Kapitalismus verstehen. Einführung in die Politische Ökonomie der Gegenwart, VSA-Verlag, Hamburg 2015, 256 Seiten, broschiert, A 16,80; ISBN 978-3-899-65644-2.

Diese Rezension erschien zuerst in Heft 3 (2016) von Wirtschaft und Gesellschaft. Wir danken für die Genehmigung zur Zweitveröffentlichung. Dieser Text ist von der CC-Lizenz gemäß Impressum ausgeschlossen; das Zitieren und das Verlinken des Textes ist erlaubt, nicht aber das Vervielfältigen/Kopieren.

Georg Feigl ist Referent für öffentliche Haushalte und europäische Wirtschaftspolitik in der Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik der Arbeiterkammer Wien und Mitglied im Vorstand des BEIGEWUM (Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen).

URL: https://www.blickpunkt-wiso.de/post/rezension-kapitalismus-verstehen--1967.html   |   Gedruckt am: 19.07.2018