Rezension

Rezension: Neoliberalismus. Ungleichheit als Programm

7. August 2013 | Patrick Schreiner

rung über den Neoliberalismus kann es vermutlich gar nicht genug geben. Zu sehr und zu negativ hat diese Ideologie Wirtschaft und Gesellschaft weltweit geprägt – mit all den fatalen Folgen für Milliarden von Menschen. Norbert Nicolls „Neoliberalismus. Ungleichheit als Programm“ hilft dabei aber nur bedingt weiter.

Der erste Satz des Buches (bol.de, thalia.de, buch.de, ebook.de) ist selbstkritisch: „Gibt es nicht schon genügend Bücher zum Neoliberalismus?“, schreibt Nicoll in seinem Vorwort. Eine berechtigte Frage, die zwar nicht notwendigerweise mit „Ja!“ beantwortet werden muss. Schließlich können bestimmte Dinge gar nicht oft genug gesagt oder geschrieben werden. Dennoch stellt sich jeder Buchveröffentlichung die weitergehende Frage, welche neuen Erkenntnisse oder Perspektiven sie zum politischen und wissenschaftlichen Diskurs beizutragen vermag. Und genau hier wird es schwierig.

Die wesentlichste Schwäche des hier zu besprechenden Buches ist, dass sich ein roter Faden nur bedingt erkennen lässt. Wird im Titel („Ungleichheit als Programm“) noch suggeriert, es werde Ungleichheit als programmatischer Kernbestandteil des Neoliberalismus untersucht, so ist davon im Buch selbst kaum Systematisches zu finden. Zwar greift Nicoll wiederholt das Thema Ungleichheit aus verschiedenen Perspektiven auf, dieser Aspekt des Neoliberalismus leitet aber weder seine Argumentation an, noch bildet er ihm einen hervorgehobenen Untersuchungsgegenstand. Wenn Nicoll beispielsweise zu Beginn seiner Ausführungen in einem zentralen Unterkapitel „Konstituierende Grundprinzipien des Neoliberalismus“ benennt, erwähnt er Ungleichheit nicht einmal explizit. Diese aber en passant und zwischen den Zeilen zu behandeln, ist zu wenig, wenn man im Titel „Ungleichheit als Programm“ zu analysieren vorgibt.

Keine Konzentration auf das Wesentliche

Dass ein roter Faden nur schwer erkennbar ist, hat Gründe: Tatsächlich handelt es sich bei dieser Veröffentlichung um eine Aufsatzsammlung, die hie und da geschliffen und geglättet wurde, um als Einführung in die Thematik durchzugehen. Den Charakter einer Aufsatzsammlung wird sie aber dennoch nicht los. So ist es auffällig, dass bestimmte Aspekte und Themen sehr eingehend analysiert werden, andere hingegen werden vernachlässigt. So bildet etwa, neben der eben angesprochenen Frage der Ungleichheit, auch die Rolle des neoliberalen Staates keinen zentralen Untersuchungsgegenstand. Zwar wird er an verschiedenen Stellen immer wieder angesprochen, eine systematische, zusammenhängende und umfassende Analyse des neoliberalen Staates aber fehlt.

Auf der anderen Seite widmet sich Nicoll sehr ausführlich Themen und Aspekten, die angesichts der Kürze des Buches und des selbst definierten Anspruchs, einen „Überblick“ geben zu wollen, eigentlich zu vernachlässigen wären. Da das Buch insgesamt nur knapp150 Textseiten umfasst, wäre hier eine Konzentration auf das Wesentliche umso wichtiger gewesen. Ein Beispiel: Antonio Gramsci und seiner Hegemonietheorie acht Seiten zu widmen, nur um die Friedrich August von Hayeks Vorgehen beim Etablieren des Neoliberalismus als „hegemoniale Strategie“ zu kennzeichnen – das  ist keine Konzentration auf das Wesentliche. Dies gilt umso mehr, als Nicoll nur spekulieren kann, ob Hayek Gramsci überhaupt gelesen und sich an dessen Ideen angelehnt hat: „Ob er Gramscis Schriften je gelesen hat, ist nicht überliefert, aber es gibt gewisse Anhaltspunkte dafür. Hayek propagierte in seinen Schriften Ideen, die in manchen Punkten denen Gramscis ähnlich sind“ (S. 46.) Ähnliches gilt auch für die „strukturelle[n] Probleme des deutschen Journalismus“ (S. 101-109). Ob es dafür wirklich acht Seiten bedurft hätte, darf bezweifelt werden.

Ein solches Missverhältnis zwischen der Behandlung von zentralen Aspekten einerseits und von Neben-Aspekten andererseits wäre in einer echten Aufsatzsammlung verzeihlich, denn eine solche ist ihrer Natur nach bewusst schlaglichtartig gehalten. Sie hätte dann allerdings auch nicht den Anspruch, den Neoliberalismus umfassend und überblicksartig darzustellen. Sie würde sich vielmehr auf einige Aspekte unabhängig von deren Relevanz konzentrieren, diese genauer beleuchten – und andere eben weglassen.

Wann eine Lektüre dennoch lohnen kann…

Liest man Nicolls Buchveröffentlichung nun allerdings als eine ebensolche Aufsatzsammlung, was sie ursprünglich auch war, so kann man dies durchaus mit Gewinn tun. Eine Lektüre von „Neoliberalismus. Ungleichheit als Programm“ lohnt, wenn man über ein gewisses Vorwissen verfügt und bereit ist, über jene Kapitel hinwegzusehen, die tatsächlich einen einführend-überblicksartigen Charakter haben. Dies wäre dann eine Lektüre, die sich für Nebenaspekte und Verknüpfungen interessiert, von denen Nicoll durchaus einige interessante aufbietet. Es wäre eine Lektüre, die nicht zuletzt auch von der Aktualität der Ausführungen Nicolls – Stichwort Eurokrise – profitieren kann.

Zum Einstieg in das Thema „Neoliberalismus“ allerdings empfiehlt es sich, besser auf die „Klassiker“ zurückzugreifen – allen voran David Harveys „Kleine Geschichte des Neoliberalismus“.

Bibliographische Angaben

Norbert Nicoll: Neoliberalismus. Ungleichheit als Programm. Münster: Unrast-Verlag 2013. ISBN 978-3-89771-534-9. 158 Seiten (bol.de, thalia.de, buch.de, ebook.de).

Der Artikel erschien zuerst auf kritisch-lesen.de. Ich danke für die Genehmigung zur Übernahme des Textes.

Patrick Schreiner ist Gewerkschafter und Publizist aus Bielefeld/Berlin. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Wirtschaftspolitik, Verteilung, Neoliberalismus und Politische Theorie.

URL: https://www.blickpunkt-wiso.de/post/rezension-neoliberalismus-ungleichheit-als-programm--1204.html   |   Gedruckt am: 02.12.2021