Ort der Auseinandersetzung: „Heimat“ taugt nicht als Sehnsuchtsort, kann aber trotzdem ein wichtiger Begriff sein

30. November 2017 | Fritz Güde

Heimat - was ist das? So verhörte uns einst unser Lesebuch! Das ist schon lange her und wir wissen die Antwort immer noch nicht. Begnügen wir uns vorläufig einfach, nach dem Ort zu fragen. Welche Bedeutung hat es für unsere Handlungen, dass sie unweigerlich alle an einem bestimmten Schauplatz stattfinden, dort wahrgenommen werden, ihre Wirkung zeigen und ihre Spuren hinterlassen?

SauErde – der abgeschlossene Ort

Der englische Schriftsteller John Berger berichtet von einem kleinen Dorf in den Savoyer Bergen, in dem er selbst seit Jahren zumindest einen Teil seiner Zeit verbringt. In diesem Dorf wird von den wenigen Überlebenden noch immer Almwirtschaft betrieben. Diejenigen, die dort leben, unterwerfen sich damit dem Rhythmus der Arbeit, wie ihn die Tierhaltung erfordert. Das heißt: Nie können alle zugleich vom Hof weg. Kein Anwohner kann sich lang entfernen. Es gibt keine Ferien.

Das Dorf ist abgeschlossen. Es lebt inmitten seiner Geschichte und Geschichten. Nicht Theorien und allgemeine Prinzipien regeln hier Leben und Arbeit, sondern in Geschichten weitergegebene Erfahrungen. Im Erzählen der Geschichten verschaffen sich die Einwohner das Gefühl der Zusammengehörigkeit gegenüber dem Zuhörer, dem Fremden.

Vermittelt durch die alten Geschichten tritt den Dörflern aber auch die Natur als Trägerin eigener Arbeit entgegen. Der Weg, den einer geht, ist der, den der Großvater angelegt hat. Die Wasserleitung, deren Verstopfung man zu reparieren sucht, verrät den Suchern etwas über den vertrackten Charakter des Vaters, der sie eigensinnig gerade so verlegt hat. Schlachten ist zugleich Zusammenkunft mehrerer Nachbarn: Die Arbeit am Fleisch, das Kochen, die Zuteilung der Stücke erfolgt nach den überlieferten Regeln. Insofern fühlen die Bauern sich in der eigenen Arbeit daheim. Es scheint hier unmöglich, nach dem Grundansatz von Habermas Arbeit und Interaktion voneinander zu trennen. Die sozialen Beziehungen zu den Nachbarn und die technische Beziehung zur Materie gehorchen offensichtlich demselben Regelsystem.

Ist es deshalb aber erlaubt, solches Zuhausesein schon als Zustand der Nicht-Entfremdung zu kennzeichnen? Zunächst wird einem jeden, der selbst einmal in Dörfern gelebt hat, die Abhängigkeit einfallen, die der Geborgenheit im Kreislauf der Geschichten notwendig entspricht. Demjenigen Einzelnen, der etwas anderes möchte, tritt die feste Überlieferung als Übermacht entgegen. Es mag dem Dorfbewohner dieser Art oft vorkommen, die Überlieferung halte ihn eher fest – als dass er sie besitzen und über sie verfügen könnte.

Zum andern zeigt sich, dass die innere Übereinstimmung des Dorfs mit sich selbst zur Rat- und Wehrlosigkeit gegenüber der Außenwelt führen kann. Aus der sicheren Bewegung im Innern des vertrauten Dorfes wird Angstreaktion und Panik, sobald das vertraute Terrain verlassen werden muss. Darin scheint sich anzudeuten, dass für uns Rückkehr zu einem Ort nicht möglich ist, von welchem aus sich keine Aussicht auf den Rest der Welt ergibt.

Der Ort, an dem wir Fuß fassen sollten, müsste einer sein, dessen Geschichten sich mit denen verbinden könnten, die von anderswoher kommen, und mit denen, die — zu Informationen verkümmert jeden Tag in der Zeitung stehen oder aus dem Fernseher tropfen.

Die Wege der Toten

Wunderbar und zauberisch aber ist in Bergers Buch die Darstellung des Zusammenlebens von Lebenden und Toten. Die Toten leben mit, denn alles – Hof, Scheune, Feld und Grab – erinnert an sie, die den Weg vorangegangen. Es muss wohl mit dem Bauerntum zu tun haben. In einer traditionsgeleiteten Welt bleibt den Enkeln wenig anderes zu tun, als die Bahn der Großväter nachzuziehen.

Bedenklich wird die Berufung auf die Ahnen, wenn sie heraustreten aus der Abgeschlossenheit dieser Welt. Von Burke angefangen haben alle Kritiker der französischen und sämtlicher folgenden Revolutionen immer wieder die Ahnen berufen: die Macht des Herkommens, das uns binden und verpflichten sollte. Wie könnten wir es den Vorfahren antun, durch Umsturz und plötzliche Veränderung jede Verbindung zu ihnen abzuschneiden? „Wir Toten, wir Toten sind größere Heere" scheint noch Tocqueville zu rufen, wenn er in „Demokratie in Amerika" gerade im Namen der Demokratie – des Mehrheitsprinzips – der Schrankenlosigkeit des Demokratischen Grenzen zu setzen sucht. Gibt es nicht viel mehr Tote als Lebende – und wo bliebe dann ihr Stimmrecht? So fragt der große französische Denker aus einer Epoche, da die Konservativen noch durch Gedanken zu siegen hofften.

Nicht durch Vergessen allein können wir die Bindung an die Toten loswerden. Soviel bleibt richtig. Nehmen aber Burke und Tocqueville nicht zu Unrecht an, dass alle, die uns vorangegangen, mit ihrem Leben zufrieden waren und das erreichten, was sie wollten? Nur wenn sie davon ausgehen dürften, hätten sie das Recht, von uns zu fordern, das bisher getane Werk einfach weiterzuführen, zu erhalten - es noch einmal zu tun. Sehn wir aber auf das Unabgegoltene, Unerfüllte im Leben der Toten, so kehrt sich die Perspektive um; der Kampfwille der Heutigen nährt sich dann am „Bild der geknechteten Vorfahren, nicht am Ideal der befreiten Enkel" (Walter Benjamin). Wieder wird es in dieser Blickrichtung nicht darauf ankommen, das „fortzuführen, was dem Vater zu tun übrig blieb" – das hieße immer noch, die Gegenwart um des Vergangenen willen arm zu machen. Die Forderung heißt dann: Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit auf die Spuren, die die einstmals Lebenden in den Orten unserer augenblicklichen Tätigkeit gezogen haben. Es käme weiterhin darauf an, Handlungen zu erfinden, die Verbindung mit den Taten der Toten erlaubten, selbst wenn diese sich in ihnen nicht notwendig wiedererkennen könnten. Wenn die Wyhler mit Walter Mossmanns Liedern noch einmal an die Kriege zwischen Deutschen und Franzosen am Dreiländereck erinnern, so nicht, um den Krieg fortzuführen, sondern um, am Leiden der Verlierer ansetzend (und alle Toten sind Verlierer aller Kriege), dem ein für alle Mal ein Ende zu machen, woran die Vorfahren verblendet sich verloren. Nicht taube Unterwürfigkeit gegenüber den ehemaligen Bewohnern verlangt von uns der Ort, den wir jetzt selbst bewohnen, sondern Erkenntnis ihres ehemaligen Unglücks, um es in der Gegenwart nicht zu löschen — das wäre unmöglich — aber zu heilen.

Hätten wir einmal Verhältnisse geschaffen, in denen wir sagen könnten: Wie leicht hätte alles sich anders gestaltet! Unter andern Bedingungen hätten die Väter nicht so sein müssen, wie sie in Wirklichkeit waren! – so hätten wir uns mit den Toten versöhnt und wären am eigenen Ort angekommen.

Der verfehlte Ort: Konstanz

In diesem Sinne versuchte ab 1968 ein Team Konstanzer Dozenten und Studenten sich mit der Welt der Konstanzer zu verbinden, die vor hundert Jahren die Stadt aufzubauen versuchten. Den Studenten, angesiedelt in einer Universität und in Wohnheimen, die an einer schönen Stelle, aber weitab von der Stadt, hingeklotzt wurden, muss dies als eine Möglichkeit erschienen sein, sich überhaupt mit dem Ort in Verbindung zu setzen, der ihrer Universität den Namen gab. Im Inneren der Universitätskatakomben gibt es nämlich kaum Möglichkeiten, herauszubekommen, ob man nicht versehentlich nach Bochum oder Nanterre geraten ist.

Die Bürgergeneration im Konstanz des 19. Jahrhunderts hatte sich vorgenommen, Konstanz mindestens wieder zu der Metropole des Bodenseeraums zu machen, die es zum Beispiel im 15. Jahrhundert gewesen war. Feststellung nach hundert Jahren: Es ist ihnen nicht gelungen. Sehr gut arbeiten die Autoren heraus, dass Mannheim und Konstanz zwischen 1840 und 1860 ungefähr auf derselben Ebene lagen; und wo steht heute Mannheim, wo Konstanz? Ins Misslingen der Vorfahren haken die Enkel sich ein: Wie ist das so gekommen? So ist der feierlich-brausende Titel "Provinzialisierung einer Region. Regionale Unterentwicklung und liberale Politik in der Stadt und im Kreis Konstanz im 19. Jahrhundert. Untersuchungen zur Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft in der Provinz" nüchtern zu verstehen.

Was geht nun aus dem Buch hervor? Kurz gesagt Folgendes: Eine Gruppe liberaler Bürger, die das Scheitern der Revolution von 1848 akzeptiert, aber nicht resigniert hat, versucht über eine Stadtratsmehrheit und Besetzung des Bürgermeisterpostens die Stadt der modernen Industrie und dem Handel zu öffnen, daneben auch schon dem Fremdenverkehr. Es fehlen aber die Arbeiter. Genaugenommen: Es fehlen nicht Menschen, die als Arbeitskräfte in neu zu errichtenden Fabriken in Frage kämen, aber es fehlen solche, die dazu bereit wären. Der Einfluss der katholischen Kirche, unterstützt von zahlreichen mildtätigen Stiftungen in Kirchenhand, ist so stark, dass er die kleinen Gärtner im Stadtteil Paradies und die Handwerker davon abhält, sich unter das Fabrikjoch zu begeben. Die Stiftungen helfen gegen äußerste Verelendung.

Die Konstanzer Lokalbourgeoisie sieht sich also im Jahre 1860 in ihren kleinen Verhältnissen vor eine Aufgabe gestellt, wie die englische Bourgeoisie sie im Großen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert zu bewältigen hatte. Dabei geht sie überaus zielbewusst vor. Die Allmende (Gemeindeäcker, deren Nutzungsrecht jedem Stadtbürger anteilmäßig zusteht) soll abgeschafft werden, die Schule reorganisiert, ein Waisenhaus geschaffen, eine freie Presse entwickelt, sogar der Theaterspielplan wird in den Dienst der Propaganda für den Liberalismus gestellt.

Die Majestät des Fortschritts also ist es, die da über Land zieht, er, der anderswo – irgendwo – überall schon herrscht und der sich durch konsequente Belehrung der Widerspenstigen auch hier Bahn brechen wird. Es gibt keine Interessen, keine Klassen, damit aber auch keinen bestimmten und konkreten Ort – Konstanz am 3. August 1865 –, sondern nur das sich selbst gleiche Informationsuniversum, in das gefälligst einzutreten wäre. Gut, Ideologie wird man sagen. Nirgendwo hat die Bourgeoisie offen verkünden können: Kleinhandwerker, Gärtner, Spitalrentner, wir möchten euch zu abhängigen Arbeitskräften machen; deshalb müssen wir euch die Möglichkeit nehmen, anderweitig zu Subsistenzmitteln zu kommen.

Für unseren Zusammenhang ist aber an diesem Altbekannten wichtig, dass Ideologie dieser Art denjenigen, der ihr verfällt, daran hindert, seinen Gegner überhaupt zu erblicken. Wer aber den Gegner gar nicht sieht, wie er selbst ist, ergreift auch den Kampfplatz nicht, damit auch nicht den Ort.

Was folgt für uns daraus? Gewiss nicht: Die Klassen hätten ihren Streit zurückstellen sollen um der gemeinsamen „Heimat" willen. Heimat: Das kann nicht der Ort sein, der den Streit ausspart. Es ist vielmehr der einzige, wo er unmittelbar erfahren werden kann.

Die Schwerkraft der Körper

Heimat: Ort, wo der lebendigen Arbeit die tote nicht als bloße Überwältigung entgegentritt – wo wir Natur als immer schon bearbeitete und nie zu Ende bearbeitete Materie erfahren: Diese Seite des Begriffs zeigte sich im abgeschlossenen Dorf.

Heimat: Ort, wo wir den Streit leibhaft erfahren können, Schauplatz seines Austrags; diese Bestimmung ließ sich ex negativo aus der Konstanzer Geschichte entnehmen.

Hat damit die Idee „Heimat" ihre Tauglichkeit und politische Verwendbarkeit schon bewiesen? Ist der Begriff nicht immer noch nur auf entlegene Berggegenden und altertümliche Städte allein anzuwenden? Als endgültig tauglich erwiese er sich erst, wenn er auch auf die Stätten größter Unwirtlichkeit – eine Ansammlung von Siedlung, Smog und Fabriken – Anwendung finden könnte.

Wie kann aber in der modernen Fabrik mit ihrer weithin standardisierten Ausrüstung Bindung an den Ort entstehen? Würde nicht jeder ihn verlassen, wenn er nur könnte?

Bremer Werftarbeiter berichten aus dem Jahr 1980 (im Kritischen Gewerkschaftsjahrbuch 80/81, S. 41 ff.) von einer Gesundheitsuntersuchung in eigener Hand:

Beim Schweißen mit einer bestimmten japanischen Elektrode waren während des Arbeitsvorgangs Nitrosegase, Fluorwasserstoff und Kohlenmonoxyd ausgetreten. Diese Schadstoffe waren einzeln gemessen worden. In Überdosis können sie jeweils als einzelne zu schwerwiegenden Schädigungen bei den Betroffenen führen, und schon bei mittleren Austrittsmengen zu Ermüdung nach Feierabend, zu Übelkeit, Kopfweh und Schwindelanfällen (Kohlenmonoxyd), zu Hustenreiz, Hautverätzungen und Schleimhautentzündungen – und längerfristig – zu Kreislaufschwächen mit narkoseähnlichen Zuständen (Nitrosegase). Erst recht sind Gefahren mit der Kombination dieser Substanzen verbunden, zu denen es keine exakten Analysen gab und gibt.

Während nun ein von außen kommendes arbeitsmedizinisches Gutachten die Austrittsmengen im Toleranzbereich der MAK-Werte (Maximale Arbeitsplatzkonzentration) einordnete, hatten die betroffenen Arbeiter gleichwohl nachhaltige beträchtliche Befindlichkeitsstörungen wie Schwindel, bronchiale Reizungen, schwere Hustenanfälle. Sie fühlten sich auch nach Feierabend müde, zum Teil sogar unter rauschartigen Zuständen und hatten Augenschmerzen: "Zwei Minuten nach acht, nach der Tagesschau, schlafen wir ein; das ist unsere Schlafkrankheit im Betrieb."

Erst während des Lehrgangs (im Betrieb, d. Verf.) war offensichtlich geworden, dass viele diese Erfahrungen mit dem Material hatten; dies führte zu einer genauen Lokalisierung des Schadstoffaustritts und seiner Folgen; die Diskussion um das arbeitsmedizinische Gutachten ergab dabei zum Beispiel, dass die Messung in einer räumlichen Entfernung zur Schweißstelle durchgeführt worden war, die als nicht typisch für das Arbeitsverhalten erkannt wurde.

Mit dieser Erkenntnis und mit der Gemeinsamkeit der Betroffenheit war eine für den weiteren Verlauf zentrale Reaktion verbunden, die sich in folgender Aussage zeigt: „Diese Entdeckung müssen wir unseren Kollegen mitteilen. Ich hatte immer gedacht, dass ich vorm Fernseher einschlafe ist nur mein Problem."

Alle Arbeitsmoral im Kapitalismus verlangt: Kümmere dich nicht um jedes kleine Wehweh, verdränge die Signale des Körpers, mach weiter! Indem die Werftarbeiter sich die gemeinsam erlittene Entstellung bewusst machen, drängt sich ihr Leib in die Berechnung der Betriebsmediziner hinein – als Schwere, Stockung, Ballast. In der erlittenen Entstellung im Betrieb erfahren sie eine Beschädigung, die vielleicht von jetzt ab bekämpft werden, niemals aber völlig wieder aufgehoben werden kann. Am eigenen Leib und der Haut, die sie zu Markte tragen, erfahren sie die Spur des Ortes. Diese Erfahrung ist zugleich unwiderleglich und sprengend. Unwiderleglich. Haben alle einmal ihre Konkurrenz gegeneinander und ihren Stolz überwunden, so wird ihnen im Gespräch eine gemeinsame Wahrheit deutlich. Diese Wahrheit aber ist sprengend: Was alle in der Entstellung erfahren, ist etwas, das keiner erfahren dürfte. Im Angriff auf den eigenen Körper erfährt ein jeder den Streit unmittelbar – den Kampf, den das Kapital gegen ihn führt, die Werft als seinen Schauplatz. In sich, im eigenen Körper, sieht er abgelagert die tote Arbeit, ist ihr verknüpft – zwangsläufig – ohne sie sich doch zu eigen machen zu können.

Ort: Nullpunkt/Drehpunkt

Mit Recht hat man an Kant kritisiert, dass seine Forderung, das Menschliche in sich zu verwirklichen, nicht ohne weiteres erfüllbar ist, weil der Einzelne unter Überspringung von Ort, Sprache, Klasse – nur scheinhaft sich mit der Menschheit in Verbindung setzen kann.

In der tradierten Vorstellungswelt der Arbeiterklasse scheint aber gerade diese Vorstellung verankert: die nämlich des „Heers der Millionen" der „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit", der gewaltigen Masse eben, die sich in feierlicher Prozession geradewegs den Zielen der Menschheit nähert. So klar in den großen Hymnen das Klassenbewusstsein als eines der Besonderung, der Abtrennung ausgesprochen ist, so deutlich ist doch die Verbindung dieser Vorstellungswelt mit Schillers „Seid umschlungen, Millionen".

Diese überwältigende Vorstellung von der Gleichartigkeit aller Arbeiterinteressen – so richtig sie ist – erschwert offenbar die Möglichkeit, an einem gegebenen Ort anzufangen, wie winzig der erste Schritt auch sein mag.

So bliebe der Arbeiterklasse ihre politische Geschichte nur noch als Behinderung – als eine Art feierlicher Rosinen im Kopf – zurück? Doch wohl nur dann, wenn die Bindung an den eigenen Ort als Abschließung verstanden würde, als Rückkehr ins Dorf. Die Erfahrungen der Bremer Werftarbeiter zeigen aber, dass Rückkehr an den eigenen Ort nur denkbar ist, wenn wir von diesem neu ausschreiten. Schon die Gesundheitsuntersuchung endet ja nicht mit der Berufung auf die eigene Körperempfindung. Dieser Rückbezug auf den eigenen Leib dient nur als Nadelöhr, durch welches der Faden der Erkenntnis erst einmal hindurchgehen muss.

Dem Rückzug auf den eigenen Ort folgt die Erkundung und Bahnung der Wege. Der Frage: Wo stehe ich eigentlich? Folgt die zweite: Wie komme ich vom einen zum andern? Aus einer vorverplanten-vermessenen-verstandenen Welt wird eine, die von einem bestimmten Punkt aus erst noch erkundet und ermessen sein will.

Mitgedachte Folgerung: An welchem Ort sie auch anfangen mag, eine solche Bewegung wird sich nicht mit dem Zusammenhocken im kleinsten Kreis begnügen können, sie wird die bisherige politische Organisation des Orts selbst zu einer Vereinheitlichung nötigen, in welcher die Apparathaftigkeit, Unansprechbarkeit und selbstgefällige Abgeschlossenheit der Verwaltung durchbrochen wird. Rechenschaftspflicht vor den Bewohnern ersetzt die entschwebende Verantwortung vor dem Gesetz, das jedermann und niemand ist. Ärmlich wirken die Versuche bis jetzt, an dem Ort, wo die Arbeit einen gezeichnet und gebrandmarkt hat, die Sache in die eigene Hand zu nehmen. Doch lässt sich schwer anders ein Weg denken, der Einzelne und Gruppen aus ihrer Abgeschlossenheit und Versunkenheit zueinander führte.

Von einzelnen Punkten aus, an denen Menschen an den Narben ihrer Vergangenheit sich doch noch Zukunft herausbuchstabieren, ließe sich noch einmal Verknüpfung und Zusammentreten denken – nicht als Marsch der Arbeiterheere, sondern als Tasten und Tappen vieler einzelner Füße. Sollte es Kommune überhaupt einmal geben, wird sie dann aber auch inmitten der „schon bewohnten" Gegenden entstehen müssen: innerhalb, nicht außerhalb der alten Gemeinschaften, als Fortführung der Geschichte, nicht als Losreißung von ihr.

Dies ist die stark gekürzte Fassung eines Textes, der zuerst 1984 in der Zeitschrift "Kommune" und dann - leicht überarbeitet - erneut 2015 in dem Band "Umwälzungen. Schriften zu Politik und Kultur" erschienen war. "Umwälzungen" enthält mehrere Artikel Fritz Güdes (1935-2017) aus mehreren Jahrzehnten linker publizistischer Tätigkeit.

Fritz Güde war Lehrer und linker Publizist.

URL: http://www.blickpunkt-wiso.de/post/2139