Onkel Günther glaubt nicht mehr an Gerechtigkeit

28. September 2017 | Theo Schuster

Warum sich »der kleine Mann« für Terror, Sicherheit und Abschiebungen interessiert - Analyse eines Chatverlaufs.

Das Smartphone brummt. Eine neue WhatsApp-Nachricht wird angezeigt. Er - nennen wir ihn einfach mal Onkel Günther - schickt mir wieder ein »lustiges« Bild. Wie so oft in den vergangenen Monaten ist es ein rassistisches. Je nach Nachrichtenlage schickt mir Onkel Günther etwas zu Muslimen, Flüchtlingen oder etwas zu frechen Türken, die sich anmaßen, unsere Kanzlerin, die er ja eigentlich selbst verachtet, zu beleidigen. Damit es nicht langweilig wird, sendet Günther auch mal sexistische Clips. Mal rege ich mich auf, mal widerspreche ich, mal reagiere ich einfach nicht.

Was heute das Smartphone ist, war früher der Frühstückstisch. Lange vor AfD, Sarrazin, Merkel hetzte er dort gegen »die Ausländer«, redete schlecht über Arbeitslose und machte unwitzige Altherrenwitze. Günther redet gerne vom »kleinen Mann« und meint damit sich. Er war jahrzehntelang Arbeiter in einem Transportunternehmen. Irgendwann, er muss um die 50 gewesen sein, fing sein Körper buchstäblich an zu zerbröckeln. 35 Jahre schwere körperliche Arbeit rächten sich. Er verlor nicht nur Beweglichkeit und Selbstbewusstsein, sondern auch seinen Job. Fand nochmal einen, aber nach einem weiteren Arbeitsunfall, bei dem weitere Knochen zu Bruch gingen, musste er in Frührente.

Im »Sommer der Migration« staunte ich nicht schlecht, als wir über die sogenannte Flüchtlingskrise diskutierten. Er sagte plötzlich Sätze wie »Irgendwo müssen die Menschen ja hin - und uns geht's hier ja eigentlich gut«. Jetzt regte er sich kaum noch über Migrant_innen auf, sondern eigentlich nur noch über »die Politiker«, die sich nur ihre Taschen vollstopfen würden. Davon ausgehend fanden wir sogar manchmal eine gemeinsame Basis, um zu diskutieren. Umso bedrückender, dass er seitdem wieder ein rassistisches Rollback durchmachte.

»Es geht mir eigentlich ganz gut«

Die Bundestagswahl ging weitgehend an unserem WhatsApp-Dauerchat vorbei. Zumindest haben wir uns in den vergangenen Monaten nie groß über Parteien oder konkrete Politiker_innen ausgetauscht. Allerdings hatte das rechte Agenda-Setting des Wahlkampfs Auswirkungen auf die Nachrichten, die er mir schickte. Wie im Wahlkampf spielte »soziale Gerechtigkeit« auch in unserem WhatsApp-Chat nur eine sehr untergeordnete Rolle.

Warum aber interessiert Günther sich eigentlich nicht für die Themen Armut/Reichtum, Gesundheit und Rente? Das müssten ja eigentlich seine Themen sein. Er hat viele Schattenseiten des Arbeitsmarktes, der Berufsgenossenschaften und des Gesundheitssystems hautnah kennenlernen müssen. Und seine Rente lässt auch nicht gerade große Sprünge zu. Stattdessen beschäftigt er sich intensiv mit Terroristen und angeblich auf der faulen Haut liegenden Geflüchteten.

Irgendwann in den vergangenen Wochen habe ich Günther mal gefragt, wie er seine eigene wirtschaftliche Lage einschätzt. Es gehe ihm finanziell eigentlich gut, behauptete er. Wahrscheinlich möchte er vor mir, vor anderen und vor sich selbst nicht offenbaren, dass das zumindest ein wenig geflunkert ist. Ohne seine Frau, die noch berufstätig ist und mittlerweile ganz gut verdient, könnte er wohl kaum von seiner Rente leben. Und doch bleibt er dabei: »Es geht mir eigentlich ganz gut.«

Laut einer Studie des US-amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center bezeichnen 86 Prozent der Deutschen ihre wirtschaftliche Lage als gut, 13 Prozent als schlecht. In einer Gesellschaft, in der es vor allem um Zählbares geht, fällt es wohl schwerer, sich einzugestehen, dass es eben nicht so läuft. Irgendwann glaubst du vielleicht sogar selbst, dass alles im Lot ist.

Schimpftiraden gegen den Nachrichtensprecher

Seinen engsten politischen Austausch hat Günther mit dem Nachrichtensprecher im Radio. Er kommentiert eifrig, was er hört. Seine Schimpftiraden hört niemand. Auch wenn er politisch interessiert ist, beteiligt er sich im Grunde nicht aktiv an politischen Prozessen. Eine Zeitung sucht man bei ihm zu Hause vergebens, Bücher ebenso. Bei den letzten Bundestagswahlen habe er die AfD gewählt, hat er mir mal gesagt. Das wolle er jetzt nicht mehr machen, weil die AfD die Menschen ja auch nur verarschen würde. Wahrscheinlich geht er dieses Mal gar nicht wählen, oder er macht seinen Wahlzettel ungültig. Er ist keine Ausnahme.

Politikwissenschaftler_innen wissen: In Deutschland sinkt die Wahlbeteiligung vor allem bei Menschen mit geringer Bildung und geringem Einkommen. So lag die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2013 im einkommensstärksten Fünftel der Gesellschaft bei 93 Prozent, im ärmsten Fünftel bei 61 Prozent. Die vielfach beklagte Erosion des Parlamentarismus ist keine allgemeine, sondern ein klassenspezifische.

Anfang August hat Günther mir mal wieder einen Kettenbrief geschickt. Es war ein Gedicht, ein sogenanntes Flüchtlingsgedicht. Dabei ging es um Geflüchtete, die sich hier ein gutes Leben machen würden. Es entzündete sich zwischen uns eine lange Diskussion um Fluchtursachen, dann aber ging es um Armut und Reichtum. Irgendwann fragte ich ihn, ob er mehr mit einem im Niedriglohnsektor beschäftigten Migranten oder mit einem deutschen Aufsichtsratschef gemeinsam habe. Er wusste natürlich, worauf ich hinaus wollte.

»Wir werden doch sowieso verarscht«

Ich schwadronierte noch ein bisschen von Profitorientierung und Konkurrenz, bis Günther schrieb: »Das ist ja alles schön und gut. Natürlich lehne ich dieses System auch ab. Aber dadurch ändert sich herzlich wenig. Egal was wir wählen, wir werden doch sowieso verarscht. Hauptsache der Profit stimmt. Aber wenn wir jetzt bis zum Sanktnimmerleinstag diskutieren, ändern wir absolut nichts.«

Soziale Gerechtigkeit ist nicht deshalb schwer vorstellbar, weil es ein zu abstrakter Begriff ist. Soziale und ökonomische Themen sind für Günther zwar wichtig, aber er hat schlicht keine Hoffnung mehr, dass sich etwas ändern könnte. Nicht ganz unberechtigt: Union und FDP stehen auf Seite der Gutsituierten, das weiß Günther. Grüne und Linke sind aus ganz verschiedenen Gründen für ihn nicht wählbar. Der Selbstpräsentation des Kanzlerkandidaten der SPD als Rächer des kleinen Mannes ging Günther nicht auf dem Leim. Wer Schröder huldigt, kann es nicht ernst meinen mit sozialer Politik. Selbst so etwas wie eine Vermögens- oder Millionärssteuer hält Günther für völlig utopisch - womit er angesichts der Kräfteverhältnisse richtig liegt. Er denkt, in seinem Leben wird er eine Abkehr vom Neoliberalismus nicht mehr erleben. Auch damit könnte er recht haben. Eine moderat linke Reformalternative hält er zwar für richtig, aber für absolut unrealistisch.

Günther hat im Grunde jede Hoffnung auf eine Verbesserung seiner Lage verloren. Er ist ganz auf Verteidigung gepolt: Verteidigung des Wenigen, das er hat. Und um das zu erhalten, zieht er sich auf seine Staatsangehörigkeit zurück. Die Ellbogen sind weit ausgefahren in einer Gesellschaft, die einem nicht nur mit sozialem Abstieg droht, sondern auch keine Hoffnung mehr macht.

Auch wenn er nicht die AfD wählt, steht Günther eher auf der Seite eines rechten gesellschaftlichen Projekts. Es sei zwar falsch, was die Rechten wollen, und ändern an seiner Situation würde es wahrscheinlich auch nichts, sagte er mal: »Aber bei denen passiert wenigstens was«.

Dieser Artikel erschien zuerst in ak 630 (2017). Wir danken für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung. Dieser Text ist von der CC-Lizenz gemäß Impressum ausgeschlossen; das Zitieren und das Verlinken des Textes ist erlaubt, nicht aber das Vervielfältigen/Kopieren.

Theo Schuster lebt im Ruhrgebiet, ist selbstständig und Musiker.

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