AK Plurale Ökonomik: „Ökonomik funktioniert nicht wertneutral und losgelöst von Gesellschaft“

8. Oktober 2015 | Patrick Schreiner

Ein Interview mit Studierenden aus dem AK Plurale Ökonomik an der Universität Hannover über Vielfalt in den Wirtschaftswissenschaften und deren gesellschaftliche Bedeutung.

Robert Birnbaum studiert Wirtschaftsingenieurwesen (M.A.), Tilo Grefe-Huge  und Daniel Willers studieren Wirtschaftswissenschaften (B.A.), Jan Meyerhoff studiert Wirtschaftsgeographie (M.A.), David Petersen studiert Politikwissenschaften (B.A.), alle an der Leibniz-Universität Hannover. Kristina Lenarz studiert Betriebswirtschaft an der PFH Göttingen.

Sie haben im Januar 2015 einen „Arbeitskreis Plurale Ökonomik“ an der Leibniz-Universität Hannover gegründet und fordern mehr theoretische, methodische und inhaltliche Vielfalt in den Wirtschaftswissenschaften. Wie ist es mit der Vielfalt in den Wirtschaftswissenschaften in Deutschland und Hannover bestellt?

Robert Birnbaum: Die wirtschaftswissenschaftliche Lehre orientiert sich weitestgehend an einer einzigen Denkschule, der Neoklassik (Nutzenmaximierung, rationales Verhalten, Gleichgewichtsfokus), und es kommt erschwerend hinzu, dass dieser Umstand nicht explizit gemacht wird. Mit unserer selbstorganisierten Ringvorlesung haben wir deshalb Kritik, andere Perspektiven und Denkansätze – wie den Postkeynesianismus (Ablehnung der neoklassischen Mikrofundierung) oder die Ökologische Ökonomik (Ökonomie als Subsystem der Biosphäre, Vorsorgeprinzip)– aufgezeigt und zur Diskussion gestellt. In der Neoklassik ist die Vorstellung zentral, dass sich auf Märkten stabile Preis-Mengen-Kombinationen herausbilden, indem bspw. das Angebot mit höheren Preisen steigt, während die Nachfrage sinkt. Der Postkeynesianismus besteht zwar aus sehr unterschiedlichen Denkrichtungen, ein wichtiger Unterschied zur Neoklassik ist jedoch die Einbeziehung prozyklischer Mechanismen auf Märkten: Auf den Aktienmärkten kann ein Anstieg des Preises (d.h. des Aktienkurses) dazu führen, dass die Marktteilnehmer weitere Kursanstiege erwarten, sodass sie weitere Aktien kaufen und damit den Kurs immer weiter in die Höhe treiben.  Die ökologische Ökonomik geht im Gegensatz zur neoklassischen Umweltökonomik nicht davon aus, dass die in der Natur ablaufenden Prozesse hinreichend verstanden werden können, um ihre einzelnen Elemente mit Marktpreisen zu versehen, die ihrer tatsächlichen Knappheit entsprechen. Daher werden bspw. sogenannte „safe minimum standards“ im Umgang mit der Umwelt vorgeschlagen, anstatt künstlich verknappte Emissionszertifikate auszugeben.

Jan Meyerhoff: Das Wissen über diese heterodoxen Theorien ist über Deutschland hinweg leider stark verstreut. Im Netzwerk Plurale Ökonomik gibt es daher auch Bestrebungen, derartige Inhalte in Form von Online-Vorlesungen und -Seminaren stärker zu bündeln.

Daniel Willers: Aktuell sind uns an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Hannover keine Lehrveranstaltungen bekannt, die entsprechende Akzente setzen könnten. Auch deswegen sind wir aktiv geworden. Denn es liegt vor allem an uns Studierenden, entsprechende Veränderungen zu erwirken! Dies wird auch immer wieder von Ökonomen betont, welche unser Anliegen unterstützen. Umso erfreulicher ist, dass sich immer mehr Studierende für eine Plurale Ökonomik engagieren.

Was ist aus wissenschaftlicher und aus gesellschaftspolitischer Perspektive die Gefahr, wenn die Wirtschaftswissenschaften so einseitig ausgerichtet sind, wie Sie es beschreiben?

Robert Birnbaum: Wirtschaftswissenschaften sind ein Teil der Sozialwissenschaften und auch Wirtschaft ist nur ein Teilsystem der Gesellschaft. Umso problematischer ist die starke Entfremdung von den Sozialwissenschaften. Einerseits isolieren sich die Wirtschaftswissenschaften stark von ihren sozialwissenschaftlichen Wurzeln und nehmen kaum noch Erkenntnisse dieser auf, andererseits wird die Theorie sukzessive auf alle Bereiche des Lebens ausgebreitet. Es wird beispielsweise versucht, die Partnerwahl oder die Erziehung mithilfe mikroökonomischer Entscheidungstheorien und den für neoklassische Modelle typischen Kosten-Nutzen-Überlegungen zu erklären.

David Petersen: Genau. Dies wird von Kritikern auch als „Ökonomisierung“ problematisiert. Letztlich ist unbestreitbar, dass heutzutage bestimmte ökonomische Denkweisen und Kategorien maßgeblich unser Leben und die Gesellschaft prägen. Umso fataler ist eine einseitige Ausrichtung. Im Ergebnis führt dies zu sehr beschränkten Perspektiven. Die Gefahr ist dann besonders groß, dass Fehler in Fragestellungen und Erklärungen unerkannt bleiben. Beispielsweise in Anbetracht der fortschreitenden Globalkrisen, wie Klimawandel und Ressourcenverbrauch. Was ist, wenn unser bisheriges Wachstumsmodell in einer begrenzten Welt tatsächlich keinen Wohlstand für alle schaffen kann und letztlich sogar zum Kollaps führt?

Wie reagieren die Professorinnen und Professoren auf Ihre Initiative?

Robert Birnbaum: Wir werden größtenteils immer noch ignoriert, trotz Gesprächsbemühungen unserseits. Anfangs sind wir teils auch auf großes Unverständnis und harsche Ablehnung gestoßen. Mittlerweile konnten wir aber immerhin einige konstruktive Gespräche führen – unter anderem mit unserem Dekan.

Daniel Willers: Ja, unsere Kritik wurde teils nicht nachvollzogen. Einige meinten uns gegenüber, dass allein die 22 Institute an unserer Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät schon die Pluralität dieser Disziplin zeigen würden. Wir sagen aber: Entscheidend ist, wie die Ausrichtung ausschaut.

Jan Meyerhoff: Offenheit haben beispielsweise das Institut für Wirtschafts- und Kulturgeographie und das Institut für Didaktik der Demokratie bewiesen, indem sie ihre Studierenden auf unsere Ringvorlesung hingewiesen und einen Diskussionsbeitrag in Form eines Vortrags auf unserer Ringvorlesung beigesteuert haben. Allerdings sind beide Institute nicht an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät angesiedelt.

Kristina Lenarz: Unsere Ringvorlesung wurde übrigens von insgesamt 22 Akteuren ideell unterstützt – darunter verschiedene Uni-Fachschaften sowie uni-externe Institute. Das zeigt, dass es durchaus ein breites Interesse an diesen Themen gibt.

Die Forderungen nach mehr Pluralismus in den Wirtschaftswissenschaften werden insbesondere seit Beginn der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise lauter. Haben die Wirtschaftswissenschaften versagt?

David Petersen: Es ist zumindest sehr deutlich geworden, dass die Mainstream-Ökonomik nicht in der Lage war, solche Krisen hinreichend zu erklären. Letztlich ist unsere Kritik aber weitreichender.

Kristina Lenarz: Pluralität gibt die Chance, durch verschiedene Sichtweisen unterschiedliche Erklärungsansätze und Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Insbesondere in der Wirtschaftspolitik wird gerne das Credo der „Alternativlosigkeit“ verkündet. Wer sich aber etwas tiefer mit Wirtschaftswissenschaften beschäftigt, wird schnell merken, dass dies völliger Blödsinn ist. Das Problem ist hier allerdings, dass derzeit vor allem ein einziges Theoriegebäude „optimiert“ wird: Es gibt zwar unterschiedliche Meinungen, aber im Kern basieren diese auf dem immer gleichen Dogma der Neoklassik. Es handelt sich also lediglich um Variationen und nicht um Pluralität. Die Perspektive wird somit immer enger, es kommt zu Wissensverlust.

Tilo Grefe-Huge: Die Volkswirtschaftslehre hat dahingehend versagt, ihre Modelle und Annahmen plausibel an veränderte Realitäten anzupassen, siehe beispielsweise die Auswirkungen des sekundenschnellen Computer-Aktienhandels. Jedes Modell entsteht offensichtlich immer im Kontext der jeweiligen Zeit. Die Annahme, dass Ökonomik wertneutral und losgelöst von der Gesellschaft stattfinden kann, ist daher unserer Meinung nach ein Irrtum.

Lassen sich hinsichtlich ihres Pluralismus Unterschiede zwischen den verschiedenen Teildisziplinen der Wirtschaftswissenschaften feststellen, etwa Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftsingenieurwesen, Wirtschaftsgeografie und Wirtschaftsgeschichte?

Robert Birnbaum: Das Grundproblem bleibt, dass ökonomische Kenntnisse maßgeblich auf das gleiche Rüstzeug zurückgreifen. Eine marginale Ausdifferenzierung erfolgt in Hannover erst im Haupt- bzw. Masterstudium. Unserer Ansicht nach sollte die wirtschaftswissenschaftliche Disziplin insgesamt plural, inter- und transdisziplinär sowie kritisch ausgerichtet werden – auch im Grundstudium!

Daniel Willers: In Bezug auf dieses Grundproblem lassen sich für uns keine großen Unterschiede zwischen den Teildisziplinen der Wirtschaftswissenschaften feststellen. Wohl aber in Bezug auf die Offenheit. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass unsere Kritik vor allem die Volkswirtschaftslehre betrifft. Wirtschaftsgeschichte oder Geschichte des ökonomischen Denkens sucht man an unserer WiWi-Fakultät übrigens vergebens. Es gibt zwar durchaus Professoren, die in ihren Vorlesungen die Geschichte ihrer Fachrichtung anschneiden, es fehlt aber eine grundsätzliche historische Fundierung.

Jan Meyerhoff: Bei aller berechtigten Kritik darf man aber auch nicht die positiven Entwicklungen verkennen. Die Wirtschaftsgeographie schöpft beispielsweise aus Erkenntnissen der Evolutionsökonomik oder der Regulationstheorie. Während die Neoklassik die Ursachen des Wirtschaftswachstums vor allem in der Zunahme des Kapitalstocks sieht, berücksichtigen evolutionäre Theorien das Zusammenspiel von technologischem Wandel, Wettbewerb, Unternehmensgründungen sowie dem Wissen und den Fähigkeiten der Arbeitskräfte. In der Regulationstheorie wird hingegen danach gefragt, wie überhaupt eine stabile kapitalistische Gesellschaft aufrechterhalten werden kann. Es wird dabei davon ausgegangen, dass der Kapitalismus ständig durch Krisen und soziale Desintegration bedroht ist, die jedoch durch Regulationsmechanismen wie staatliche Herrschaft, ideologische Denkformen, Massenkonsum, entsprechende Lebensstile und den Zusammenhalt in sozialen Netzwerken begrenzt werden. Wie ein Regulationsmodus ausgestaltet ist, hängt demnach von den sozialen Machtverhältnissen und der kulturellen Deutungshoheit ab. So wird bspw. argumentiert, dass die großindustrielle Massenproduktion (Fordismus) und die damit verbundenen Lebensstile bis in die 1970er Jahre durch die Herausbildung des Wohlfahrtsstaates stabilisiert worden waren. Anschließend begann die Ära der flexiblen Produktion, deren ideologische Untermauerung das Argument der zunehmenden Individualisierung bildet.

Worauf zielt Ihre Initiative langfristig?

Kristina Lenarz: Unsere Motivation ist zum einen die Neugier in wissenschaftlicher bzw. theoretischer Hinsicht, zum anderen aber auch die Unzufriedenheit über die Engführung der Wirtschaftswissenschaften, insbesondere in der Lehre, verbunden mit dem Wunsch nach einer Veränderung.

Tilo Grefe-Huge: Unser vorrangiges Interesse liegt darin, ein Nebeneinander verschiedener Denkschulen zu fördern. Das heißt momentan für uns, eher marginalisierte Strömungen zu stärken, da die Neoklassik aktuell eine massiv vorherrschende Stellung einnimmt. Gleichwohl lehnt die Plurale Ökonomik die Neoklassik nicht ab, denn auch diese Perspektive hat grundsätzlich ihre Berechtigung, genau wie jeder andere wissenschaftliche Ansatz.

Robert Birnbaum: Unser Ziel ist nicht die Findung einer gemeinsamen Meinung, sondern eine gewisse Offenheit im Sinne eines interessierten Methoden-, Theorien- und Werte-Pluralismus zu erarbeiten und zu pflegen.

David Petersen: Zur Offenheit gehört aber auch eine gewisse Distanz sowie kritische Reflexion. Das ist nicht immer einfach, vor allem wenn man als Studierender noch nicht so durch die „Hackordnungen“ der Ökonomen durchblickt. Es bleibt ein Lernprozess – auch für uns. Mit dem Netzwerk Plurale Ökonomik gibt es aber eine gute Plattform, um Erfahrungen und Fragen auszutauschen.

Patrick Schreiner ist Gewerkschafter und Publizist aus Bielefeld/Berlin. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Wirtschaftspolitik, Verteilung, Neoliberalismus und Politische Theorie.

URL: http://www.blickpunkt-wiso.de/post/1666   |   Gedruckt am: 19.01.2018